Im Magazin des Tagesanzeigers vom 6.3.2010 schreibt Ludwig Hasler über die Elite. Er ist sich sicher: Obwohl uns schon das Wort “Elite” nervt, brauchen wir sie. Doch welche?
Wie alle Menschen, schreibt der Philosoph, ist auch die Elite konservativ. Ein Gewohnheitstier, welches das Neue meidet. Im Interesse des Machterhaltes bevorzugt die Elite den Status quo – und verliert so die Realität aus den Augen. Beispiel gefällig? Marcel Ospel. Nach Jahren der ungebremsten Wertschöpfung war er blind für das Offensichtliche: Etwa die hoch verschuldeten Hausbesitzer in den USA.
Nach diesem Muster handelte auch der Bundesrat in der Bankenkrise. Die alten Steinbeisser in Bern versuchten die Probleme auszusitzen. Sie wollten, dass alles wieder so wird wie es war. Doch heute ist eine neue Elite gefordert. Eine flexible: mit “Pfiff im Kopf und Frechheit im Herz”.
Probleme sind laut Hasler besonders bei der Funktionselite vorhanden. Manager, Regierungsleute, Chefärzte, Gewerkschaftschefinnen, Verlege, Anwälte, Rektoren. Diese Führungsleute folgen Rationalitätskriterien, die dem jeweiligen Funktionsbereich eigen sind: Profit für die Wirtschaft, Mehrheitsbeschaffung für die Politik etc. Funktionseliten dienen also der Logik ihres Teilsystems. Kluge Funktionseliten, weiss der Autor, wagen den Blick über den Tellerrand des eigenen Systems. Nur so werden sie zur gesellschaftlichen Elite, der einzigen Elite, die den Titel verdient. Ihr Credo muss wie folgt lauten: “Ich muss alles tun, damit möglichst alle um mich zu ihrer Glanzform finden, dann laufe auch ich zur Hochform auf”.
Eine Herausforderung stellt die zunehmende Spezialisierung dar. Rechtsanwälte werden ersetzt durch Scheidungsanwälte, Wirtschaftsanwälte und…. Tieranwälte. Dieser Trend führt nicht zur gewünschten Öffnung, sondern zur Verengung des Denkradius. Nicht das berufliche Können, sondern die richtige Haltung befähigt also zur Elite. An der Hochschule holt man sich heute ein Kompetenzen-Portfolio: “Als käme es darauf an, Kompetenzen zu haben (die jeder Depp hat)”. Unseren Eliten fehlt es demnach nicht an Können. Die Frage ist vielmehr: wohin mit dem Können? Weitblick, Urteilskraft und Demut lässt sich kaum schulen, nur üben.
Und die heutige politische Elite? Mit einem Berner Fürsprech-Examen und etwas Commonsense ausgerüstet wird jeder und jede zum Politiker oder zur Politikerin. Wir wollen Politikerinnen, die in der Krisenzeit zum Übermenschen werden. Trotzdem sollen ganz auf dem Boden bleiben…. Doch wie sollen die Politiker/innen den deutschen Finanzminister beeindrucken, wenn sie nicht einmal uns beeindrucken dürfen?
Eine mögliche Lösung, so schliesst der Autor sein Essay, ist Roger Federer. Was er kann, kann niemand. Er zögert nicht, seine Gegner vernichtend zu schlagen. Und trotzdem wird er von allen gemocht. “Schweizer dulden keine Elite? Roger Federer studieren”!



thinklanz
March 11, 2010
Für alle Interessierten: Morgen (22:20) findet eine Arena zum Thema Elite statt! Hier das Programm:
Am Volk vorbei?
Ueber 70 Prozent des Stimmvolkes haben am letzten Abstimmungs-Sonntag den bürgerlichen Parteien eine schallende Ohrfeige versetzt und gegen die Senkung des BVG-Satzes gestimmt. Zwischen Volk und den politischen und wirtschaftlichen Eliten tut sich ein immer tieferer Graben auf. Auch andere populäre Anliegen, wie eine Puk zur UBS-Affäre und die Abzockerinitiative haben einen schweren Stand im Parlament. Haben die Mitteparteien den Draht zum Volk verloren? Oder entscheidet die Bevölkerung zunehmend emotional und verschliesst sich lösungsorientierten Vorschlägen?
Es diskutieren unter anderen:
- Gerold Bührer, Präsident Economiesuisse
- Hugo Fasel, Direktor Caritas Schweiz
- Kurt Imhof, Soziologieprofessor Uni Zürich
- Markus Spillmann, Chefredaktor «Neue Zürcher Zeitung»
Quelle: http://www.sf.tv/sendungen/arena/index.php
Benedikt Gschwind
March 9, 2010
Abgesehen von seinem etwas fragwürdigen Federer-Vergleich stimme ich vielen in diesem Essay zu, z.B. die These mit den Funktionseliten. Als kantonaler Parlamentarier erlebe ich es auch, wie es immer mehr Dossierspezialisten und weniger Generalisten gibt, die den Blick über den Tellerrand hinaus wagen.
Pfiffig sein, Urteilskraft und Entschlossenheit allein genügt aber nicht in einer Demokratie. Es braucht auch die Fähigkeit, sein Umfeld von den eigenen Ideen und Absichten zu überzeugen.