Ein Zeichen gelebter Integration wäre es, wenn die islamische Glaubensgemeinschaft Langenthal sich dazu bewegen würde ihr Baugesuch für ein Minarett zurückzuziehen. Dies hatte das „Stopp Minarett“-Aktionskomitee gefordert und in seinem Schreiben betont, dass ein Rückzug ein Zeichen der Akzeptanz des demokratisch legitimierten Entscheids darstellen würde. Nach der Anti-Minarett-Abstimmung hatte die islamische Glaubensgemeinschaft Langenthal hingegen angekündigt, ihr Begehren gegebenenfalls bis nach Strassburg zu ziehen.
Mittlerweile wird darüber diskutiert, ob man sich mit minarettähnlichen Bauten zufrieden geben respektive diese akzeptieren würde. Doch was ist minarettähnlich? Ein Turm. Also ein Kirchturm? Ein Kirchturm ohne Kreuz, aber mit Halbmond? Dann ist es ein Minarett. Was ist demnach minarettähnlich und gleichzeitig förderlich für die Integration?
Die Aufnahmegesellschaft und die Menschen mit Migrations- hintergrund nähern sich an; sie kommunizieren, finden Gemeinsamkeiten und stellen Unterschiede fest. Schliesslich wird die gemeinschaftliche Verantwortung von beiden Seiten übernommen. Dies der Prozess der Integration, der an beide Parteien, die Zugewanderten und die Mehrheitsbevölkerung, Anforderungen stellt. Im Gegensatz dazu steht die Assimilation: Diese verlangt das Zurücklassen der eigenen kulturellen Identität, folglich eine völlige Anpassung an die Aufnahmegesellschaft.
Zeichen gelebter Integration setzt Langenthal seit 2001. Sie unterhält zwei Städtepartnerschaften: zum einen mit der Walliser Gemeinde Brig-Glis und zum anderen mit der Stadt Neviano in Italien. Auf der Gemeindehomepage Langenthal heisst es:
„Aus der italienischen Provinz Lecce (am Absatz des Stiefels) haben bereits seit Ende der 50er Jahre des 20. Jahrhunderts zahlreiche Emigranten im Oberaargau und speziell in der Gemeinde Langenthal eine neue Heimat gefunden – oder doch wenigstens einen sicheren Arbeitsplatz. In zahlreichen Industrie- und Bauunternehmen wurden und werden sie als zuverlässige, arbeitsame Menschen geschätzt.“
Die zweite Partnerschaft mit Neviano enstand durch den hohen Anteil der italienischen Gastarbeiter. Heute hat sich die Beziehung so sehr verfestigt, dass seit 2003 jedes Jahr ein Schüleraustausch zwischen Langenthal und Neviano stattfindet. Gelebte Integration.
Im Zuge der Minarettdebatte wurde ich des Öfteren darauf aufmerksam gemacht, dass ich als Muslima kein Minarett zum beten brauche. Es stimmt: Im Prinzip hat der Moslem nichts weiter nötig um beten zu können. Es bedarf auch keine muslimischen Zentren. Nichtsdestotrotz wäre es ein Zeichen gelebter Integration und ein Zeichen für die Akzeptanz einer sich verändernden, multikulturellen Gesellschaft. Und schon bald (50 bis 60 Jahre später) pflegt Langenthal vielleicht eine Städtepartnerschaft mit einem Städtchen in Mittelanatolien und bedankt sich auf der Homepage für die Zuverlässigkeit und die Arbeitsamkeit dieser Migranten.




Alexander Müller
September 5, 2010
Ich erwarte von den Muslimen, dass sie den Volksentscheid zur Minarett-Initiative respektieren. Das heisst, dass sie nicht nach Strassbourg gehen sollten (haben sie leider schon gemacht) und dass sie nicht versuchen sollten das Bauverbot für Minarette mit anderen Bauten zu umgehen. Alles andere wäre nur Kontraproduktiv und würde letztlich auch den Muslimen schaden.
Felix
March 29, 2010
Du hast schon Recht Esther, Regeln zum Schutz von Minderheiten wurden und werden von der Mehrheit geschaffen. Die Mehrheit hat sich aber im Falle der Minarettabstimmung über die selbst auferlegten Prinzipien in der Verfassung wie Rechtsgleichheit weggesetzt (was genau die Leitblanken des Minderheitenschutzes sind), das ist das Paradox des schweizerischen Systems.
Esther
March 29, 2010
Ich bin ja keine Politikwissenschaftlerin. Aber ist es nicht das Wesen der Demokratie, dass die Mehrheit immer Recht hat? Das heisst nicht, dass man nicht miteinander reden soll, ich finde es nur nicht sehr sinnvoll, der Mehrheit vorzuwerfen, dass sie über eine Minderheit hinweg entschieden hat. Das ist schliesslich das Prinzip der Demokratie. Auch Regeln zum Schutz von Minderheiten wurden und werden sich von der Mehrheit selbst auferlegt.
Stefanie Kurt
March 29, 2010
Für mich ist gelebte Integration viel eher, dass die EinwohnerInnen dieses Landes miteinander, statt „übereinander“ diskutieren. Denn dieses „Übereinander“ führte an der Abstimmung zur Minarett-Initiative dazu, dass eine Mehrheit über eine Minderheit in unserem Land bestimmt hat, wie diese Minderheit in der Schweiz zu leben hat: nämlich ohne Minarette. Und ob solche Abstimmungen die Integration der ausländischen Bevölkerung in der Schweiz fördern, ist fraglich.