Im Vorfeld der Albisgütli-Tagung der SVP verprügeln linksautonome Demonstranten den Zürcher Nationalrat Hans Fehr. Die NZZ titelt daraufhin in einem Hintergrundartikel “Die lange Spur linksextremer Gewalt”. Doch wer Demonstrieren als Phänomen radikaler Kreise abtut, liegt falsch. Eine Analyse der Selects-Daten zeigt: Rund jede/r neunte Schweizer/in nahm innerhalb der vergangenen fünf Jahre mindesten ein Mal an einer Demonstration teil. Die Analyse zeigt weiter: Demonstrieren ist heute ein Oberschichtenphänomen.
Soziale Faktoren
In der unterstehenden Tabelle wurde die Demonstrationsrate nach fünf soziodemographischen Kriterien aufgeteilt. Zunächst können wir feststellen, dass Männer öfter demonstrieren als Frauen (11.4% gegenüber 12.7%). Der Unterschied ist allerdings überraschend gering.
Beim Alter gilt als Faustregel: Je jünger, desto demonstrationsfreudiger. Während jeder Fünfte unter 35-Jährige innerhalb der letzten fünf Jahre demonstrierte, ist es bei den über 75-Jährigen noch jeder 28te. Eine bemerkenswerte Ausnahme der Regel stellen die Jahrgänge 1953 bis 1962 dar: Diese Menschen, welche in ihrer Kindheit die 68er Bewegungen aktiv miterlebt haben, demonstrieren durchschnittlich häufiger, als die jüngeren Jahrgänge 1963 bis 1972 (14.3% gegenüber 12.4%).
Bezüglich der Bildung kann ein deutlicher Unterschied zwischen gut Ausgebildeten einerseits und mittel resp. gering Ausgebildeten anderseits beobachtet werden. Erstere demonstrieren stark über-, letztere stark unterdurchschnittlich (16.7% gegenüber 7.7% resp. 7.8%). Angesichts dieser Resultate überraschen die unterschiedlichen Demonstrationsraten der Einkommensklassen wenig. Obere mittlere und hohe Einkommen demonstrieren überdurchschnittlich; untere mittlere und geringe Einkommen unterdurchschnittlich.
Schliesslich konnten klare Verhaltensunterschiede je nach Zivilstand beobachtet werden. Während die Demonstrationsrate Alleinstehender rund 7.5% über dem nationalen Mittel liegt, demonstrieren Verheiratete klar unterdurchschnittlich. Ferner zeigt sich, dass Geschiedene und getrennt Lebende mit 14.9% überdurchschnittlich oft an Demonstrationen teilnehmen. Ein ausschliesslicher Nebeneffekt der Variable Alter kann damit ausgeschlossen werden. Vielmehr sind diese Befunde im Lichte des ”biographical availability” -Ansatzes zu interpretieren: In einer Studie stellte McAdam (1986) fest, dass persönliche “Hindernisse” wie Vollbeschäftigung, Heirat oder familiäre Verpflichtungen die Kosten von hoch riskantem Aktivismus erhöhen und damit die Teilnahme unwahrscheinlich machen. Einen ähnlichen Effekt suggerieren auch die genannten Resultate.
Werte
In einem zweiten Schritt wurden die Demonstrationsraten nach Welthaltungen und Einstellungen aufgeteilt. Die Resultate zur Parteisympathie zeigen einen klaren Schnitt zwischen linken (SP und GPS) und mitte-rechts resp. rechten Parteien (CVP, FDP, SVP). Dieser Graben kann in vergleichbarer Weise bei den Rechts-Links-Selbsteinschätzungen beobachtet werden. Linke nehmen deutlich öfter als Rechte an Demonstrationen teil (31.1% gegenüber 5.1%).
Das Vertrauen in die Regierung, das Parlament oder die Parteien hat nur einen geringen Einfluss auf die Demonstrationsfreudigkeit. Es wäre demnach verfehlt, DemonstrantInnen als besonders systemkritisch zu bezeichnen.
Im untersten Teil der zweiten Tabelle wird die Demonstrationsrate nach den wichtigsten Problemen ausgewiesen. 16.5% der Personen, die Bildung und Kultur als wichtigstes Problem der Schweiz ansehen, demonstrierten innerhalb der letzten fünf Jahre. Dahingegen demonstrierten nur 8.2% jener, welche Finanzen und Steuern als das wichtigstes Problem identifizierten. Die graue Linie stellt den schweizerischen Durchschnitt dar (11.9%). Zwei Dinge stechen ins Auge: (i) Die beiden Top-Positionen sind mit postmatierialistischen Themen wie Kultur, Umwelt oder Energie besetzt. (ii) Personen, welche den Arbeitsmarkt als wichtigstes Problem bezeichnen, partizipieren nur leicht überdurchschnittlich an Demonstrationen. Die Kategorie Landwirtschaft wurde aufgrund der geringen Nennungen ausgeschlossen. Diese beiden Befunde (i und ii) lassen darauf schliessen, dass die Themen der “Neuen Sozialen Bewegungen” heute deutlich mobilisierender wirken, als die traditionellen Arbeiter- oder Bauernthemen.
Fazit
Die Analyse aus dem ersten Teil zeigt, dass die Demonstrationsrate je nach soziodemographischen Variablen stark variiert. Ein logistisches Regressionsmodell verdeutlicht: Ein junger, alleinstehender Mann mit einer hohen Ausbildung und einem hohen Einkommen hat eine 25.5% höhere Wahrscheinlichkeit zu demonstrieren, als eine ältere, wenig ausgebildete, verwitwete Frau mit geringem Einkommen. Zugegeben: Diese fiktiven Personen mögen den Sachverhalt etwas überspitzen. Dennoch lässt sich so ein zentraler Befund herauskristallisieren: Heutige Demonstrierende sind in der Regel Angehörige der gesellschaftlichen Oberschicht. Untere Einkommensschichten und bildungsferne Personen, also klassischerweise Angehörige der beiden traditionellen Bewegungen (Arbeiter und Bauern), gehen heute unterdurchschnittlich oft auf die Strasse.
Dieser Befund wird durch die Analyse der Wertehaltungen zusätzlich erhärtet: Die Wahrscheinlichkeit, dass linke Sozialdemokraten resp. Grüne demonstrieren, ist rund 23% höher, als die Wahrscheinlichkeit, dass rechte FDP oder SVP Anhänger an einer Demonstration teilnehmen. Kurz: Demonstrierende Rechte sind heute eine Randerscheinung.
Doch wie lassen sich diese Befunde erklären? Zum einen könnte eine zunehmende Marginalisierung der traditionellen Bewegungen im Gange sein (begleitet von einer langfristig steigenden Bedeutung der “Neuen Sozialen Bewegungen”), zum anderen könnten sich die Strategien der angesprochenen traditionellen Bewegungen verschoben haben: So könnten sich die Einflusskanäle der Arbeiter und insbesondere der Bauern weg von der Strasse hin zur parlamentarischen Ebene verschoben haben. Eine These, welche sich im Angesicht des unvergleichlichen Aufstiegs der SVP vielversprechend anhört, aber dennoch klar im Bereich der Mutmassung anzusiedeln ist.
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→ Diesem Beitrag folgt der Artikel Vom Aussterben bedroht: der Demonstrant
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Zur Analyse wurden die Selects-Daten des Jahres 2007 verwendet. Als Demonstrant gilt, wer innerhalb der letzten fünf Jahre vor der Befragung an einer öffentlichen Demonstration teilgenommen hat. Für die Weiterverwendung, wenden Sie sich bitte an den Autor.




Simon Lanz
March 15, 2011
In seiner Tagi-Kolumne vom 15.März 2011 hat Michael Hermann die Analyse aufgegriffen.
Besten Dank hierfür!
Zum Artikel “Sofa-Revolutionen”
Dennis
January 27, 2011
Nicht die Abwesenheit von “persönlichen Hindernissen” vermindert die Demonstrationsfreudigkeit, sondern gerade ungekehrt, oder? Wenn man also verheiratet ist oder eine Arbeitsstelle innehat, die einen ausfüllt oder die bei der Teilnahme an Demonstrationen gar gefährdet wäre, verzichtet man aufs Demonstrieren. Die ANwesenheit dieser Hindernisse also steigert die Kosten und führt zum Demonstrationsverzicht. Korrekt?
Ansonsten: Interessanter Text, Kompliment!
Allerdings habe ich den ersten Abschnitt wie Martin zuerst falsch verstanden und ebenfalls kurz gedacht, du würdest den Angriff auf Hans Fehr als Demonstration bezeichnen (und damit verharmlosen). Dabei kritisierst du ja gerade, dass die NZZ dies nicht differenziert. Vielleicht solltest du diese irreführende Formulierung abändern… :-)
Grüsse aus Hamburg
Simon Lanz
January 27, 2011
Merci für den Hinweis. Du hast natürlich Recht… Persönliche Hindernisse führen zu steigenden Kosten und weniger Partizipation.
Die Gewalt an Hans Fehr (oder ander PoltikerInnen in der Vergangenheit) würde je nach AutorIn sehr wohl als politische Partizipation angesehen werden.
Hier ein Auszug aus dem Handwörterbuch des politischen Systems der Bundesrepublik (bpb.de):
Aber wie schon erwähnt… Die Demonstration als Partizipationsform muss mann klar von der Gewalt trennen. Auch wenn sie zur gleichen Zeit auftreten können (z.B. Gewalt im Rahmen einer Demonstration).
Martin
January 26, 2011
Demonstranten? Verstehe ich richtig, dass Du auch linksextreme Gewalt als Demonstration verstehst?
Simon Lanz
January 26, 2011
Ich glaube ja, du verstehst mich falsch.
Die vorliegenden Zahlen beziehen sich ausschliesslich auf Demonstrationen. Leider werden die Teilnehmer der Selects-Studie weder zur Intensität, noch zur Art ihres Engagements gefragt. Dies schränkt die Analysemöglichkeiten erheblich ein.
Der Übergriff an Hans Fehr an sich kann kaum als Demonstration im eigentlichen Sinne gelten. Klar ist aber, dass dieser im Rahmen einer Demonstration verübt wurde. Ähnlich verhält es sich mit den Ausschreitungen in Bern im Oktober 2007.
Den NZZ Artikel erachtete ich gerade deshalb als spannend, weil er die Begriffe “Demonstrant” und “gewalttätig” vermischt (zusammen mit dem Begriff “links”)… Ich glaube dies steht exemplarisch für ein populäres Bild des typischen Demonstrierenden.
Die untenstehende Analyse zeigt, dass gerade dieser Eindruck massiv täuscht. Demonstrieren ist vielmehr ein Oberschichtenphänomen.