von Anna-Lena Schluchter
Es herrscht grosser Andrang vor dem Eingang des Bieler Kongresshauses. Eine riesige Menschentraube versammelt sich vor den gläsernen Türen – Junge, Alte, Männer, Frauen, Frauen mit Kindern und Kinderwägen warten geduldig auf den Einlass. Auf der Strassenseite gegenüber versammelt sich eine kleinere Menschenmenge. Sie hält Plakate hoch, die „Menschenrechte für alle auch in moslemischen Staaten“ und „Solidarität mit Opfern der Gewalt“ fordern. Ein erstes Klischee ist erfüllt aber es läuft alles ganz ruhig und wohl auch friedlich ab – auch kein übertriebenes Sicherheitsaufgebot oder aggressive Gegendemonstranten beispielsweise aus dem rechten Lager sind wahrzunehmen. Die Minuten vergehen und plötzlich teilt sich die Menge. Frauen und Männer strömen zu unterschiedlichen Eingängen. Geschlechtertrennung, früher als erwartet, schon bevor es überhaupt richtig los geht.

Nicholas Blancho (Quelle: bielertagblatt.ch)
Im Eingangsbereich warten ein Apéro und Stände mit unterschiedlichen Angeboten auf die Besucherinnen und Besucher – Kleidung, Make-up, orientalische Kerzen, Laternen, Bilder und vieles mehr gibt es zu bestaunen.
Mit ein wenig Verspätung ruft Qaasim Illi (Pressesprecher des IZRS und Moderator der Jahreskonferenz), flankiert von zwei stämmigen Bodyguards, nun zur Begrüssung und zur Eröffnung der Jahreskonferenz in den grossen Kongresssaal. Die Frauen sitzen in der linken Hälfte des Saales, rechts drängen sich die Männer – Platz ist dort knapp, die Schranke in der Mitte des Raumes lässt aber keine Fluktuation zu.
Illis Stimme dröhnt über die etwas zu laut eingestellten Lautsprecher, begrüsst alle Anwesenden, ganz besonders die zahlreich erschienenen Pressevertreter/innen und man wird auch im Verlauf seiner Rede das Gefühl nicht ganz los, dass er mehr zu Kritikern und Medien spricht als zu seinen Schwestern und Brüdern im Glauben. Er stellt auch gleich klar, dass, wer Hassprediger und ähnlich Umstrittenes an dieser Konferenz erwartet, hier ganz falsch sei. Recht hat er.
Am Herzen liegen ihm die Einigung der Muslime, das kollektive Aufwachen aus der Lethargie, das aktive Agieren, denn „weil man unauffällig war, konnte das Minarettverbot nicht abgewehrt werden“. Auch im weiteren Verlauf seiner Rede, hat man den Eindruck, dass ein grosser Teil seiner visionären Definition einer kollektiven Identität der Muslime nur als Reaktion auf (unerfreuliche) politische Geschehnisse und Entwicklungen von „aussen“ funktioniert. Man wolle den Islam selbst definieren und sich nichts aufzwingen lassen.
In Anlehnung an die aktuellen Geschehnisse in der arabischen Welt spricht er ein panislamisches Bewusstsein an, weist auf die „gelungene Interaktion zwischen Moderne und islamischer Identität“ hin, denn die Revolutionen waren schliesslich nur durch moderne Kommunikationsmittel wie Facebook, Twitter und auch Al Jazeera möglich. Es geht Illi um die kollektive Wahrnehmung der Identität der Umma. „Wir sind alle Ägypter“ – Solidarität mit den Brüdern und Schwestern im Glauben. Darauf erhebt sich der ganze Saal zu einer Schweigeminute für die „Märtyrer“ in der arabischen Welt. Ein schöner Gedanke.
Dahingestellt sei an dieser Stelle, ob die „Märtyrer“ sich in erster Linie als Mitglieder der muslimischen Umma fühlten, oder ob der Wunsch nach Demokratie und Freiheit ihr primär einender Gedanke war.
Als nächstes spricht der nicht weniger eloquente Nicolas Blancho (Präsident des IZRS) vor den rund 1500 bis 2000 Besucherinnen und Besuchern. Er spannt einen geschickten Bogen in seinem Referat -tadelt die Rückständigkeit, die schlechte Bildung, die Korruption, sowie die Lage der Frau in vielen islamischen Ländern, spricht sich gegen die vielen unterschiedlichen muslimischen politischen Gruppierungen aus, ruft schliesslich wiederum zur all umfassenden Einheit auf, will die unwürdige Opferhaltung nicht mehr sehen und kommt zum Kernthema seiner Rede: Die muslimische Gemeinschaft soll ihr volles Potenzial ausschöpfen. Denn dies geschieht seiner Meinung nach bisher nicht. Und er wird nicht müde, darauf hinzuweisen, dass 50 Prozent dieses Potenzials die Frauen ausmachen. Er mahnt seine Brüder, die Schwestern zu ermutigen und zu unterstützen, denn ohne ihren Beitrag wird das Potenzial der muslimischen Gemeinschaft weiterhin nur zu 50 Prozent genutzt. Auch die Mitaktivität der Jugend ist ihm ein Anliegen, denn wie in Tunesien und Ägypten, kann auch hier die Jugend eine neue Ära einläuten.
Auf die Rede von Blancho folgt eine kurze Pause pünktlich für das Asr-Gebet, auch zu einem späteren Zeitpunkt soll den Besucherinnen und Besuchern die Möglichkeit geboten werden, dank der Pause für das Maghrib-Gebet, keines der fünf Gebete wegen der Veranstaltung zu verpassen. Das Programm der Jahreskonferenz dauert noch bis tief in die Nacht. Referate von prominenten Gastrednerinnen und Gastrednern, musikalische Intermezzi sowie ein Podium warten auf die Besucherinnen und Besucher, die noch nicht müde sind. Denn das Programm ist zweifellos anspruchsvoll und braucht wohl einige Ausdauer. Und so drängen sich zwischendurch mal mehr mal weniger Menschen im Eingangsbereich um die Stände, tauschen sich aus, schliessen vielleicht neue Bekanntschaften.
Dieser Grossanlass ist sehr professionell organisiert und wartete mit einem beeindruckenden Programm auf. Und doch wird man den Eindruck nicht los, dass viele Besucherinnen und Besucher vielleicht weniger wegen der Vorträge kommen, sondern mehr, um sich mit Bekannten auszutauschen, um Gleichgesinnte zu treffen und um die Gemeinschaft, die Umma zu spüren.
Und genau das ist es, was gerade Blancho pausenlos propagiert: Die Rückbesinnung auf die Umma, die kollektive islamische Identität, die über Nationalitäten, sogar über Landesgrenzen hinweg eint, der kleinste oder doch der grösste gemeinsame Nenner?
Und genau dieser Umgang mit der islamischen Identität als erste und einzige Schicht einer menschlichen Identität, so wie sie von Blancho propagiert wird, mag für Aussenstehende anecken. So tadelt er wiederum, diesmal ein wenig ironisch die vielen Kriminellen, Raser, Schuldrücker und Unruhestifter – und nennt sie Muslime. Muslime, die ihr Potenzial nicht ausschöpfen. Er nennt sie nicht Albaner, Schweizer, Türken, Immigranten, Männer, Aargauer, Hip-Hopper, oder was auch immer. Ob die Betroffenen sich aber tatsächlich als Muslime fühlen oder ob sie ihre Identität anders definieren, ist irrelevant.
Illi hat Recht. Wer Hassprediger, Aufrufe zum Jiihad und all zu einfach kritisierbare Rhetorik erwartet, bekommt diese nicht serviert an dieser Jahreskonferenz. Die anwesenden Gläubigen freuen sich über das Beisammensein und planen keinen Terroranschlag. Und doch werden Klischees erfüllt: Die Mehrheit der Männer trägt einen langen Bart, die Frauen tragen praktisch ausnahmslos ein Kopftuch. Unter den Anwesenden sind ein paar „ganzkörperverschleierte“ Frauen, vielleicht einige mehr als erwartet.Das einzige was wirklich schockiert, sind die doch einigermassen zahlreich anwesenden Kleinkinder mit Kopftuch!
Die schillernden Persönlichkeiten sind aber nicht die Mitglieder des IZRS, sondern vor allem Qaasim Illi und Nicolas Blancho, die teils an ihren Anhängern vorbei reden, aber perfekt als Entertainer und Aushängeschilder funktionieren. Es sind diese beiden und vielleicht noch Illis verhüllte Frau Nora, die aber weitaus weniger eloquent ist, auf welche die Medien ansprechen und welche mit ihren Aussagen auch weiterhin im Gespräch bleiben werden.
Aussagen und die dadurch hervorgerufenen Reaktionen ergeben ein kontinuierliches und bekanntes Politspiel, welches auch ausserhalb dieses Kongresses funktioniert – wo hier beispielsweise ein grosses Feindbild die SVP ist, ist es dort der IZRS. Ein Spiel, das für beide Seiten Früchte trägt.
Im Grossen und Ganzen gibt diese Jahreskonferenz auch Aussenstehenden einen transparenten Einblick. Und doch hinterlässt sie vielleicht ein wenig Ratlosigkeit, denn wirklich fassen kann man diesen Verein, der sich aus so unterschiedlichen Mitgliedern zusammensetzt, eben trotzdem nicht.
Muslimische Integration gibt es, obwohl am Kongress nicht gross erwähnt, natürlich doch: Auf dem Weg zum Bahnhof hat der Döner in der Imbissbude, die von zwei taffen, jungen, türkischstämmigen Bielerinnen geführt wird, dann besonders gut geschmeckt.
Lesetipp:
Das Buch von Elham Manea „Ich will nicht mehr schweigen“ eignet sich wunderbar, für diejenigen, die sich einen kurzen Überblick über die Thematik „der Islam und der Westen“ verschaffen wollen. Das Buch behandelt angesprochene Themen wie die Islamische Identität, erklärt und beschreibt nachvollziehbar die gesellschaftlichen Entwicklungen nach einschneidenden politischen Ereignissen vor allem auch in der Schweiz und eignet sich gut als Einstieg für Interessierte.
Zur Autorin: Anna-Lena Schluchter aus Olten studiert im vierten Semester Politikwissenschaften an der Uni Zürich mit den Schwerpunkten Vergleichende Politik und Internationale Beziehungen sowie Arabisch und Militärgeschichte in den Nebenfächern.


Adriano Mannino
March 2, 2011
- Unklare Haltung bezüglich des Schwimmunterrichts: Gibt es dazu nicht ein Bundesgerichtsurteil?
- Mit “Parallelgesellschaften” meinst du einfach Subkulturen (religiöser, politischer, sozialer oder welcher Art auch immer) innerhalb unserer demokratisch-liberalen Gesamtkultur. Dagegen ist selbstverständlich nichts einzuwenden – solange eine Subkultur die Stabilität der Gesamtkultur nicht gefährdet. Ebendieser Punkt ist beim IZRS fraglich.
Titus
February 23, 2011
@ Anna-Lena Schluchter
Der Frauenturnverein ist ebenso eine Parallelgesellschaft zum Männerturnverein wie es die Harmoniemusik gegenüber dem Swing- und Jazz-Club ist. Selbst die Katholiken sind eine Parallelgesellschaft zu den Reformierten oder den Juden. Und wenn ich an gewisse Parteianhänger denke, dann kommen mir diese auch so vor, als ob sie in einer Parallelgesellschaft leben…
Wir richten uns alle unsere eigenen Parallelgesellschaften ein – und niemand stört sich daran. Ich würde sogar behaupten, dass wir das brauchen bzw. dass das legitim ist um uns abzugrenzen und nicht in einem religiösen, politischen, kulturellen oder gesellschaftlichen Einheitsbrei unterzugehen.
Darum erachte ich die Angst um eine mögliche Parallelgesellschaft für unbegründet oder – wenn wir uns darüber Sorgen machen, dann sollten wir noch so manche Gruppierung auch argwöhnisch entgegen treten, egal ob es um Religion, Politik usw. geht.
Die eigentliche Gefahr sehe ich vielmehr im Inhalt, in der Art und Weise, wie dieser vermittelt wird und im kulturellen Hintergrund der Hauptfiguren. Mir kommt es so vor, als ob ein paar von der abendländischen Kultur geprägte Konvertiten den Muslimen, welche “von Haus auf” Muslime sind, den Islam erklären wollen. Demgegenüber gibt es Geistliche (in allen Religionen), die sich ein ganzes Leben lang mit ihrer Religion auseinandersetzen und trotzdem immer wieder Neues darin entdecken.
Darum finde ich es anmassend von den Leitfiguren, in Sachen Islam (in der Schweiz) eine führende Rolle spielen zu wollen. Deshalb wünschte ich mir wie Sie, dass die etablierten muslimischen Vereinigungen sich etwas mehr hervortun…
Anna-Lena Schluchter
February 22, 2011
An Adriano und Titus:
Dass nicht nur Kleinkinder mit Kopftüchern schockieren können, sondern noch ganz andere Umstände, Geschehnisse, gesellschaftliche Vorgänge und Bilder, ist ganz klar. Jedoch ging es mir in meinem Beitrag in erster Linie darum, aufzuzeigen wie ich meine Vorstellungen und auch Vorurteile mit den realen Begebenheiten vom Samstag abgeglichen habe. Geschlechtertrennung und einige Burkas habe ich erwartet.
Die (teils bekannten) Aussagen, Standpunkte und auch die ganze Philosophie des IZRS – und besonders die von Blancho und Illi -, die am Samstag vielleicht ganz bewusst nicht konkret thematisiert wurden, bedürften einem eigenen Beitrag und einer intensiven Auseinandersetzung.
In meinem Beitrag habe ich mich bewusst wirklich nur mit den Aussagen an der Jahreskonferenz befasst – und richtig, konkrete politische Inhalte (ausser der Initiative zur Wiederaufhebung des Minarettverbotes) wurden – sehr wahrscheinlich bewusst – nicht formuliert. Vielleicht auch, weil wohl nur ein Bruchteil der Mitglieder oder anwesenden Sympathisanten das Stimm- und Wahlrecht besitzt, um auf formal-politischer Ebene etwas zu bewirken.
Was aber meiner Meinung nach nicht ganz ungefährlich ist, ist der mögliche Anfang einer Entwicklung zu Parallelgesellschaften, wie man sie in anderen europäischen Ländern kennt. Der Aufruf zur all umfassenden, auch panislamischen Identität als wichtigstes und einziges Attribut einer menschlichen Identität weist meiner Meinung nach in diese Richtung. Die unklare Haltung des Bundes beispielsweise zur Schwimmunterrichtfrage, zum Thema Kopftuch bei Kindern und anderem, mag eine solche Entwicklung sogar noch fördern.
Trotz allem halte ich es doch für wichtig, dass man differenziert und sich hinterfragt, ob die Mitglieder und Sympathisanten alles verstehen oder begrüssen, was die beiden Aushängeschilder von sich geben.
Wie beschrieben hatte ich den Eindruck, dass viele einfach Gesellschaft und freundschaftliche Nähe suchten. Anscheinend erfüllt der IZRS eben auch diese Funktion. Und vielleicht wurde gerade deswegen nicht zu scharf geschossen, was die kritischen Themen betrifft.
Ich kann mir daher sehr gut vorstellen, dass die grosse Mehreit der Besucherinnen und Besucher Nichtmiglieder waren. (Nun sind sies vielleicht, schliesslich ist der Mitgliederbeitrag sehr günstig und wenn man sich gleich anmeldete, bekam man die 15.- Eintritt zurück erstattet.)
Natürlich ist dieser (mögliche) Mitgliederzulauf kritisch zu betrachten – gerade wenn er vielleichtg mehr auf dem Wunsch nach Gesellschaft als auf der aktiven Sympathie für die umstrittenen Standpunkte des IZRS beruht.
Aber ich denke, hier sind vielleicht auch die vielen etablierten muslimischen Vereinigungen, die nichts mit der Rhetorik des IZRS anfangen können, gefragt. Aufklärung ist auf jeden Fall notwendig.
Titus
February 22, 2011
In der gedruckten Ausgabe des Bieler Tagblatts war übrigens die Rede von 2’000 Teilnehmern, davon 1’600 Nichtmitgliedern. Ich habe keine Ahnung, wie man diese 1’600 Nichtmitglieder einordnen soll, aber für eine Jahreskonferenz eines privaten Vereins sind das schon viele (Neugierige?)…
Adriano Mannino
February 20, 2011
“Das einzige was wirklich schockiert, sind die doch einigermassen zahlreich anwesenden Kleinkinder mit Kopftuch!”
Schockierende Aussage. Was ist mit der Geschlechterapartheid? Mit den Burkas? Oder auch nur mit den Kopftüchern, die jeweils mit “Argumenten” gestützt werden, die von haarsträubender, schockierender Irrationalität zeugen? Leider erfährt man auch praktisch nichts über die konkreten politisch-gesellschaftlichen Inhalte und Ziele des IZRS. Kamen sie am Kongress kaum zur Sprache (etwa weil sie in diesen Kreisen ohnehin Gemeingut sind und man sie nach aussen hin nicht an die grosse Glocke hängen will)? Schockierend, weil totalitär und faschistoid, scheinen sie jedenfalls zu sein. Immerhin hat Blancho öffentlich die Scharia (und explizit die Steinigung) verteidigt – im Namen der Religions- und Meinungsfreiheit, die ihm eine tolerant-liberale Gesellschaft zur Verfügung stellt! Ihm scheint eine unfreiheitliche und undemokratische islamistische Theokratie als Vision vorzuschweben, in der die Meinungsäusserungsfreiheit darin besteht, zu sagen, was die “heiligen” Schriften vorschreiben, in der Frauen und Ungläubige diskriminiert, Apostaten, Ehebrecher und Homosexuelle exekutiert werden, in der Kinder in der Schule mittelalterliche Mythen als Fakten memorieren, statt Sinnvolles zu lernen, und in der allgemein das unabänderliche, “göttliche” Gesetz über dem menschlich-demokratischen Willen steht. Das ist der Tod jeder vernünftigen Wissenschaft, Ethik und Politik, jedes gesellschaftlichen Fortschritts hin zu einer besseren, humaneren Welt. Blanchos Glaubensinhalte und Ziele gehören aufs Schärfste verurteilt. Wer seine Freiheitsrechte mit dem Ziel gebraucht, die Freiheit der anderen letztlich abzuschaffen, hat keinen Anspruch auf diese Rechte. Toleranz gegenüber der Intoleranz ist ein Widerspruch in sich. Daher ist ein Verbot des IZRS zu prüfen: http://www.laizismus.ch/index.php/der-islamische-zentralrat-soll-verboten-werden/