Politische Bildung- aber wie?

Posted on März 9, 2010 von

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Bevor am 1.März die Frühjahrssession startete, fanden in den Wochen zuvor im Nationalratssaal Sitzungen der besonderen Art statt: Auf die Plätze der Parlamentarier bequemten sich Acht- und NeuntklässlerInnen, welche über eigens entworfene Vorstösse wie etwa „Gratis-öV für Junge und Betagte“ debattieren. In den Projektwochen „Schulen nach Bern“ sollen Schülerinnen und Schüler Politik am eigenen Leib erleben. Leider kommen jeweils nur wenige in den Genuss dieser besonderen Erfahrung.

Quelle: schulen-nach-bern.ch

Anlässlich dieser jüngst durchgeführten „Sondersession“ erfasste die NZZ vom 8. März die Gelegenheit, die Frage nach der politischen Bildung von schweizer Jugendlichen wieder einmal aufzurollen. Vergleicht man den Text mit Artikeln aus den vergangenen Jahren, erkennt man allerdings kaum neue Entwicklungen. Die zitierten Studien und die thematisierten Probleme blieben in den jüngsten fünf bis zehn Jahren unverändert. Im 2001 entlarvte die IEA-Studie „Citizenship and Education“ die Jugendlichen aus der Musterdemokratie Schweiz als gar nicht vorbildlich: Neben Jugendlichen aus anderen 27 demokratischen Staaten belegten die schweizer Schülerinnen und Schüler jeweils die letzten Ränge. Damals und spätestens zwei Jahre später, mit der Veröffentlichung der ausgewerteten Ergebnisse aus der IAE Studie in Fritz Osers Buch „Jugend ohne Politik“,  ging ein Raunen durch die Medien: Unsere Jugendlichen interessieren sich weder für Politik, noch haben sie eine Ahnung davon.

Das Problem ist aber weniger, dass die Jugendlichen grundsätzlich nicht für Politik zu erwärmen wären, sondern eher, dass die Berührungspunkte zu politischen Themen oftmals fehlen, um Politik überhaupt erleben und verstehen zu können. Oftmals begegnen Jugendliche selbst im Schulalltag durchaus politischen Problemen und Organisationen, so etwa einem Rauchverbot an der Schule oder der an viele Schulen existierenden Schülerorganisation. Sie verstehen es aber nicht diese als „politisch“ einzuordnen und denken so weiterhin, Politik sei etwas Kompliziertes, Alltagsfremdes. Bestärkt wird diese Vermutung nicht selten durch das Kurzprogramm „Staatskunde“, welches oft nur gerade Raum für ein bisschen Institutionenlehre lässt, die nach der Prüfung schnell wieder in Vergessenheit gerät und nur unwesentlich zum Politikbewusstsein der Jungen beiträgt.

Die Ausgestaltung des politisch bildenden Unterrichts ist in den schweizerischen Lehrplänen sehr unterschiedlich festgelegt. Sie reicht von einem spezifischen Lehrplanzusatz, wie ihn die Kantone Aargau und Zürich seit 2005 kennen, dem zentralschweizerischen Lehrplan für „Geschichte und Politik“ für das 7.- 9. Schuljahr, bis hin zu diffusen Regelungen die politische Bildung als fächerübergreifende Materie definieren, die in den geisteswissenschaftlichen Fächern auf beliebige Art und Weise eingebracht werden kann. Man geht hier von der Annahme aus, dass sich die Auseinandersetzung mit Politik insbesondere beim Behandeln der Geschichte förmlich aufzwingen würde und auch etwa der Sprachunterricht im Rahmen von Diskussionen genügend Raum für politische Themen lasse. Hier besteht das Problem, dass viele LehrerInnen Hemmungen haben, Politik in ihrem Fach einzubinden. Oft bleiben nur die GeschichtslehrerInnen übrig. Sie sind dafür verantwortlich, aus jungen Menschen mitdenkende und partizipierende Bürgerinnen und Bürger zu zaubern. Ein grosses  Unterfangen!

Die Frage ist: Ist die Erziehung zum Citoyen denn die Aufgabe der Schule?

Béatrice Ziegler, Co-Leiterin des Zentrums für Demokratie in Aarau und Leiterin des Zentrums für politische Bildung und Geschichtsdidaktik an der FH Nordwestschweiz sagt im NZZ- Interview:

„Bisher war die Familie die wichtigste politische Sozialisierungsinstanz von Kindern; die Schule spielte eine eher minimale Rolle“.

Die politische Erziehung wurde lange von den Schulen ausdrücklich als Aufgabe der Familie gesehen. Schaut man sich einzelne Lehrpläne an, so ist dies vielenorts auch heute noch so. Aus Angst vor einer unparteiischen Vermittlung von Politikinhalten, hielten sich Schulen lange Zeit weitgehend von diesem Bildungsfeld zurück. Das Problem ist aber, dass das Politisieren zuhause am Mittagstisch nicht länger dafür zuständig sein kann, Jugendliche zu Stimmbürger und Wählerinnen zu erziehen. Eine solche Erwartungshaltung führt zu einer Chancenungleichheit auf die politische Bildung. Nicht jeder Haushalt taugt als Zündschnur für die Entwicklung eines politischen Bewusstseins und einer eigenständigen politischen Meinungsfindung: Sei dies wegen niedrigen Bildungsniveaus, mangelndem Interesse oder aber auch stark einseitigen politischen Ansichten.

Wenn wir den Anspruch stellen, dass politische Partizipation nicht nur ein Hobby der Interessierten sein soll, sondern ein Recht sowie eine Pflicht aller, so muss auch ein gleichberechtigter Zugang existieren. In einem solchen Fall wäre die Förderung politischer Gefässe an Schulen nicht nur wünschenswert, sondern auch notwendig.

Als Autodidaktin in Sachen Politik frage ich mich, wie die Schule für alles Mögliche was wir eventuell im Leben oder im Studium brauchen könnten, einen Unterricht bereitstellt,, aber nicht für Politik. Als Bürger und Bürgerinnen einer halbdirekten Demokratie, sind wir rund viermal jährlich der politischen Entscheidungsfindung ausgesetzt und benötigen eine entsprechend hohe Sachkompetenz.

Die komplexen Themen, die unseren Alltag als Erwachsene prägen, stammen überdies oft aus den politikbestimmenden Bereichen Wirtschaft und Recht. Weshalb solche Fächer, in einem einzigen Semester à zwei Wochenstunden abgehandelt werden, ein Geografie- oder Chemieunterricht aber über mehrere Jahre allen zusteht, ist mir nicht verständlich.

Lehrpläne sind of starr und Gefässe für politische Bildung werden nicht von heute auf morgen geschaffen. Demokratie lernen muss sich aber nicht auf den Unterricht beschränken. Schon die Förderung einer partizipativen Schülerschaft durch die Unterstützung von Schülerparlamenten mit entsprechenden Wahlen, Debattierkursen und -clubs wäre hilfreich. Stattdessen zeigt die Erfahrung, dass gerade solche Projekte von Schulleitungen nur kritisch gewürdigt oder gar eingeschränkt werden.

Dieser Blogeintrag soll zur Diskussion anregen. Du hast offensichtlich ein politisches Interesse entwickeln können, sonst wärst du wohl kaum auf diesen Blog gestossen. Was hat bei dir den Weg zum politischen Mitdenken gebahnt? Welche Rolle hat die Schule dabei gespielt? Welche das Elternhaus? Wer, wenn nicht die Schule oder die Familie kann die Aufgabe übernehmen um die Jugendlichen für Politik zu begeistern?

Ob Erfahrungsberichte oder zukunftsweisende Vorschläge, Kommentare aller Art sind willkommen!