Über die Weisheiten der Igel und die Einsichten der Hasen- wozu brauchen wir die Hochschule?

Posted on März 14, 2010 von

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Wissen ist Macht. Dieser Grundsatz legitimiert die Universitäten und Hochschulen als Kerninstitutionen unserer Gesellschaft. Die Qualitätssicherung und der Ausbau von Lehranstalten des tertiären Bildungssektors sind gewinnbringende Investitionen, welche uns eine erfolgreiche Teilnahme am internationalen  marktwirtschaftlichen Wettbewerb versprechen.

Bildung ist die Ressource, auf welche die Schweiz bauen sollte. Obwohl die Schweiz über ein ausserordentlich effizientes Bildungssystem im Bereich der Berufsbildung verfügt, wird jedoch immer die Wichtigkeit der Hochschulen und des an Hochschulen gewonnenen mächtigen Wissens für das Land hervorgehoben. Offenbar verspricht man sich von den tertiären Bildungsstätten einen besonders grossen marktwirtschaftlichen Output. Doch inwiefern folgen unsere Universitäten und Hochschulen einer marktorientierten Logik? Soll die Wissensproduktion an den höheren Anstalten zwecks Erfüllung wirtschaftlicher und sozialer Ziele geplant oder autonom sein und der Spontaneität des Forschens folgen?

Prof. Dr. Georg Kohler (Quelle uzh.ch)

Prof. Dr. Georg Kohler (Quelle: UZH)

Georg Kohler, Professor für Politische Philosophie an der Universität Zürich, stellt in seinem Essay „Über die Weisheit der Igel und die Einsichten der Hasen“ (NZZ,10/04/2000) den Leser vor die Wahl: Ist die Wissenschaft Dienstleisterin oder autonome Ekenntnissucherin?

Kohler stellt sodann zwei Reihen von Partialwahrheiten über den Zweck der Hochschulen einander gegenüber: Die Weisheiten der Igel besagen, dass Wissenschaft primär ein Selbstzweck ist. Sodann sind Lehrpersonen auch nicht nur Informationsübermittler sondern “Hellmacher”, die die Seele der Schüler oder die Studentinnen “aus dem tiefen Schlaf der Gewohnheit aufwecken”. Für die Igel dient die Universität der Bildung und nicht der Ausbildung und Bildung hat nie direkte Ziele. Bildung trainiert den Menschen nicht auf konkrete Anforderungen hin, sie befähigt ihn vielmehr dazu in einer Vielzahl von Situationen Bedürfnisse zu erkennen und diese zu stillen.

Die Einsichten der Hasen stehen diesen Weisheiten diematral entgegen. Sie fordern von den höheren Lehranstalten ein Umdenken: Die konservative Erstarrung im Selbstzweck soll einer modernen marktorientierten Haltung weichen, wo Universitäten und Wirtschaft zusammenarbeiten und gegenseitig voneinander profitieren. Die Selbstbezogenheit der universitären Wissenschaften führt zur Abschottung gegenüber der tatsächlichen Nachfrage- diese Tendenz muss durch finanzielle Anreize zur angemessenen Aufgabenerfüllung gestoppt werden.

Die wissenschafts- und bildungsorientierten Igel und die ausbildungsorientierten Hasen verkörpern zwei unterschiedliche Universitätskonzepte: Die Universität als autonome Erkentnntnissucherin oder als Dienstleisterin. Wissenschaft ist mit der Grundlagen- und angewandten Forschung längst beides geworden, autonom und funktional. Doch welchen Anspruch stellen wir an die Universitäre Erziehung? Bildung oder Ausbildung?

Kohler spricht beiden Modellen eine Geltungsanspruch zu und bemängelt, dass die heutige Universität die beiden Ansprüche unglücklich zu kombinieren versuchen.

Zahlreiche Studierende würden sich so, von dem “Mischangebot” aus Praxis und Wissenschaft blenden lassen und das Falsche studieren, weil das Richtige nicht angeboten wird. Sowohl Hasen wie Igel sind sodann frustriert, weil die Studiengänge nicht den jeweiligen Bedürfnissen gerecht werden. So werde er etwa den Verdacht nicht los, dass die Massen, die derzeit Publizistikwissenschaften studieren, entweder in spezialisierten Medienfachschulen oder in einem allgemeinen Soziologiestudiengang mit Spezialisierung auf Medien besser aufgehoben wären.

Die Lösung? Auf jeden Fall eine Trennung von Hasen und Igel: Eine denkbare Möglichkeit wäre hierbei etwa die Auslagerung eines Grossteils der Universitätsstudiengänge auf die Fachhochschulen. Hiermit würde die Fachhochschule zur leistungsfähigen, anwendungsorientierten Regelhochschule werden, wo “die Einsichten der Hasen erst richtig fruchtbar werden können”, während die Igel, in ihrer Erkenntnissuche aufgehen können und Wissenschaft in ihrem klassischen Sinn betreiben dürfen, ohne sich rechtfertigen zu müssen.

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