Regula Stämpfli: Ein Burkiniverbot als Ausdruck von gesellschaftlichem Liberalismus?

Posted on April 20, 2010 von

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Wöchentlich beglückt uns zur frühen Montagmorgenstunde Regula Stämpfli mit ihrer persönlichen Meinung (und keineswegs politikwissenschaftliche Analyse) über schweizerische Politaktualitäten auf Radio 1. Vor einer Woche gab die Politologin ihre Haltung zum Aargauer Entscheid, dass muslimische Mädchen nun mit Burkini zum Schulschwimmen gehen dürfen, zum Besten. Die selbst ernannte liberale Demokratin sieht darin eine Gefährdung der Demokratie, des Rechtsstaates, der Gleichstellung und der Menschenrechte. Das Problem: Es findet keine Unterscheidung zwischen öffentlichem und privatem Raum statt. Frau Stämpfli proklamiert, dass wir in der Öffentlichkeit alle gleich sind. Des Weiteren prangert sie den „Biopornokapitalismus“ à la Weltwoche an, der wohl auf das konservative Frauenbild gepaart mit wirtschaftlichem Liberalismus anspielen soll. Man mag die Erlaubnis, in Plastikhülle eingepackt ins Schulschwimmen zu gehen, als unnötige, kontraproduktive Toleranz ansehen – wie sie Elham Manea in ihrem Buch ebenfalls kritisiert. Dieser Haltung aber zugrunde zu legen, dass durch diese Erlaubnis die Menschenrechte und die Demokratie gefährdet würden, würde der Funktion der Grundrechte aber nicht gerecht. Die persönliche Freiheit und die Glaubens- und Gewissensfreiheit schützen vor unverhältnismässigen Eingriffen des Staates. Durch deren Einschränkung – wie etwa dem Minarettverbot – werden diese aber gefährdet und ausgehöhlt. Inwiefern eine solche Haltung mit dem Liberalismus zu vereinbaren ist, sei einmal dahingestellt.

Burkini als Teil der offiziellen Uniform der Live Saving Patrol am North Cronulla Beach in Sydney (Quelle: time.com)

Die Brüssel’sche Forderung nach einer klaren Trennung von öffentlich und privat scheint überdies etwas problematisch: Sind wir wirklich alle gleich im öffentlichen Bereich? Hat sich nicht gerade die westliche Kultur dem Individualismus verpflichtet und toleriert daher das Anderssein, d.h. versucht nicht einen kultur-religiösen Einheitsbrei zu produzieren?

Das Burkini mag ein Symbol für die Unterdrückung der Frau bzw. der Mädchen sein. Es deswegen zu verbieten, wäre ein gangbarer Weg, es fragt sich aber, ob damit die Integration wirklich gefördert wird. Frauen, die  öffentlich ein Kopftuch und dergleichen tragen, werden bereits festgestellt haben, dass sie damit gesellschaftlich und beruflich einen steinigen Weg gehen. Der Biopornokapitalismus scheint tatsächlich in dieselbe Kerbe zu schlagen, indem er ein ähnliches Frauenbild propagiert. Jedoch kann auch er nur entwaffnet werden, indem Frauen sich aus freien Stücken gegen ein Leben als an den Herd Gekettete entscheiden und in Lohnverhandlungen für einmal auch so laut brüllen wie ihre männlichen Mitstreiter. Und die Stripstangen im Kindergarten – um Regula Stämpflis Vergleich zu bemühen – können dann auch getrost montiert werden, denn der gesunde Menschenverstand und  unsere (liberalen) gesellschaftlichen Werte werden den Mädchen und Jungen begreiflich machen, dass diese lediglich zum klettern da sind. Der ganzen Islam-Minarett-Integration-Frauendiskussion scheint nämlich ein bisschen die Gelassenheit und der Glaube, dass unsere gesellschaftlichen Normen in diesem Land nicht kurz vor dem Untergang stehen, abhanden gekommen sein.