Benedikt XVI. – Pontifikat der verpassten Chancen

Posted on April 22, 2010 von

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Hans Küng kennt die römisch-katholische Kirche. Er studierte an der päpstlichen Universität Gregoriana in Rom. 1954 wurde er zum Diözesanpriester von Basel geweiht. Auf Geheiss von Papst Johannes XXIII. nahm Küng als Experte am zweiten Vatikanischen Konzil teil. Er setzte sich für die Berufung Joseph Ratzingers an die Universität von Tübingen ein, wo sich die beiden aber ideologisch entfremdeten. Während der spätere Papst Ratzinger einen streng konservativen Kurs verfolgte, provozierte der progressive Küng die katholischen Kirche zunehmend. Er stellte als erster römisch-katholischer Theologe die Unfehlbarkeit des Papstes in Frage. Er plädierte für die Gleichberechtigung der Frau und die Abschaffung des Zölibats. 1979 entzog ihm die deutsche Bischofskonferenz die kirchliche Lehrerlaubnis.

Letzte Woche meldete sich der Theologe mit einem offenen Brief an die katholischen Bischöfe zu Wort. Er kritisiert das Pontifikat Ratzingers als eines der verpassten Chancen. Hier ein Auszug:

Vertan die Annäherung an die evangelischen Kirchen: Sie seien überhaupt keine Kirchen im eigentlichen Sinn, deshalb seien keine Anerkennung ihrer Ämter und keine gemeinsamen Abendmahlsfeiern möglich.

Vertan eine nachhaltige Verständigung mit den Juden: Der Papst führt eine vorkonziliare Fürbitte für die Erleuchtung der Juden wieder ein und nimmt notorisch antisemitische schismatische Bischöfe in die Kirche auf, betreibt die Seligsprechung Pius‘ XII. und nimmt das Judentum nur als historische Wurzel des Christentums und nicht als fortbestehende Glaubensgemeinschaft mit eigenem Heilsweg ernst. Empörung von Juden weltweit über Benedikts Hausprediger in der päpstlichen Karfreitagsliturgie, der Kritik am Papst mit antisemitischer Hetze vergleicht.

Vertan der vertrauensvolle Dialog mit den Muslimen: Symptomatisch Benedikts Regensburger Rede, in der er, schlecht beraten, den Islam als Religion der Gewalt und Unmenschlichkeit karikiert und damit anhaltendes Misstrauen unter Muslimen bewirkt.

Vertan die Versöhnung mit den kolonisierten Urvölkern Lateinamerikas: Der Papst behauptet allen Ernstes, sie hätten die Religion ihrer europäischen Eroberer «ersehnt».

Vertan die Chance, den afrikanischen Völkern zu helfen: im Kampf gegen Überbevölkerung durch Bejahung der Empfängnisverhütung und im Kampf gegen Aids durch Erlaubnis von Kondomen.

Hans Küng (Quelle: gea.de)

Küng fordert die Bischöfe zum Widerstand gegen Papst Benedikt XVI. auf. Zwar hätten die Bischöfe einen uneingeschränkten Gehorsamseid gegenüber dem Papst abgelegt, „aber Sie wissen auch, dass uneingeschränkter Gehorsam nie einer menschlichen Autorität, sondern Gott allein geschuldet ist“.

Wie reagierten die Adressaten auf den Brief? Sie schweigen. „Wir reagieren auf offene Briefe nicht“, meinte Matthias Kopp, Sprecher der Deutschen Bischofskonferenz. Auch in den Bistümern herrschte Schweigen.