Schleierhaftes Scheinproblem: Die Burka

Posted on Mai 6, 2010 von

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Eine Symptombekämpfung kommt selten allein. Nach dem Minarettverbot folgt die Schweiz dem europäischen Trend und zeigt erste konkrete Vorstösse für ein Burkaverbot.

Mit 89:33 Stimmen votierte das Parlament des Kantons Aargau parteiübergreifend für eine Standesinitiative, die ein nationales Burkaverbot fordert. Es handle sich bei der Burka um „ein Machtsymbol der Dominanz des Mannes über die Frau“.

Während ein Teil der Schweizer Bevölkerung  das Burkaverbot als wohltätigen Akt ansieht, wodurch muslimische Frauen aus ihrer Unterdrückung befreit werden können, fragt sich ein Anderer wiederum, ob es in der Schweiz überhaupt Burkaträgerinnen gibt. Niklaus Nuspliger schreibt hierzu in der NZZ vom 05.Mai: „Sind die Verbotsforderungen gegen die Burka an sich gerichtet, scheitern sie schon am Fehlen eines realen Problems – ähnlich absurd wäre es, in der Schweiz die Robbenjagd verbieten zu wollen“.

Warum das Burkaverbot?

Der französische Islamexperte und Buchautor Olivier Roy nimmt im Interview mit der NZZ vom 21.4. 2010 Stellung zur europäischen Islamdebatte: Der Islam wird aus verschiedenen Motiven von  links bis rechts angegriffen: Für die Rechte/Konservative  ist Euorpa christlich. Der Islam wird zwar toleriert und  kann aufgrund der verfassungsmässig garantierten Religionsfreiheit nicht verboten werden, besteht jedoch die Möglichkeit seine Sichtbarkeit einzuschränken, wird diese wahrgenommen. Die Linke/ Liberale dagegen setzt sich für Säkularismus, Frauenrechte und gegen religiösen Fundamentalismus ein.

Die absurd erscheinende Forderung nach einem Burkaverbot erhält folglich aus völlig unterschiedlichen Motiven eine breite gesellschaftliche Abstütztung.

Quelle: Peter De Wit, "Burka Babes"

Ursachen der europaweiten Islamdebatte

Die wirkliche Frage, die der Islamdebatte zugrunde liegt, ist gemäss Roy keine geringere als diejenige um die religiöse Identität Europas: Nicht unterschiedliche Kulturen prallten aufeinander, sondern veränderte Formen von Glaubensbekenntnissen. Die Europäische Kultur kann nicht mehr gesamtheitlich als eine Christiliche bezeichnet werden. So handelt es sich nicht um eine Konfrontation zwischen (christlichen) Europäern und Muslimen. Es ist vielmehr der Zusammenprall zwischen Säkularisten und konservativen Gläubigen, welche den Zündstoff für die Islamdebatte liefern.

Säkuläre Musiminnen wie etwa Saida Keller-Messahli wollen religiöse Symbole genauso aus dem Alltag verbannen wie säkuläre Europäer. Auch gibt es aber Säkularisten, die aufgrund meschenrechtlicher Überlegungen das Verbot vom Religiösen für untragbar halten. Auf der anderen Seite existieren konservative Christinnen, die den europäischen Raum fern von fremden religiösen Einflüssen halten wollen. Andere Christen fürchten mehr die Abkehr der Gesellschaft vom Glauben als die schleichende Islamisierung.

Die Globalisierung findet auch vor Glaubensfragen keinen Halt, so konvertieren Muslime zum Christentum, Christen zum Buddhismus. Auch die Abkehr von der Religion ist ein internationales und interreligiöses Phänomen. Gemäss Olivier Roy sind, entgegen der weit verbreiteten Annahme einer Islamisierung des Westens, der christliche Pfingstglaube und das Mormonentum am meisten auf dem Vormarsch: „Die Religionsausübung der muslimischen Minderheit in Europa wirkt sehr viel sichtbarer, aber das hat vor allem damit zu tun, dass sie praktisch bei null begonnen hat“.

Für die gegenwärtige Islamdebatte in Europa existieren unterschiedliche Motive. Sicher ist: Die Verunsicherung hat viel tiefgehendere Wurzeln, alsdass sie mittels Scheinlösungen in Form des Minarett- und Burkaverbotes weggewischt werden könnte. Die Politik der „Zeichensetzung“ gegen den Islam führt nicht an der Frage nach der Beschaffenheit einer europäischen Identität und nach der Rolle des Religiösen in Europa vorbei.

Fernseh-Tipp: Im „Club“ wird am Dienstag 10.5. um 22.25 Uhr auf SF1 über die Notwendigkeit eines Burkaverbotes in der Schweiz debattiert.