Regula Stämpflis‘ „Aussen Prada, innen leer?“

Posted on September 3, 2010 von

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In ihrem neusten Buch präsentiert Regula Stämpfli ein Sammelsurium von Kolumnen zu aktuellen Themen, die immer mal wieder durch die Medien geistern und in aller Munde sind, so beispielsweise die Finanzkrise, die Berechtigung des Service Public, Designerbabys etc. Sie diskutiert diese komplexen Themen in kurz gehaltenen Aufsätzen von ca. 2-3 Seiten und erleuchtet die Leserin mit ihrer – wie gewohnt provokativen – Meinung. Immer wieder auftauchende Motive wie Medien(-Demokratie), die Diskriminierung der Frau, gesellschaftlicher Wandel, Konsum, Pornographie, Europäische Integration, Elitenkritik und eine Vielzahl von überflüssigen bis originellen Bildern runden das Ganze ab. Eine ihrer sicher berechtigten, aber keinswegs neuen Hauptaussagen ist, dass die Medialisierung der heutigen Welt zu einer falschen Priorisierung von Themen bzw. zu deren falschen Darstellung führt. In einem Interview zum Buch sagte die Autorin, dass ihr Werk einen Perspektivenwechsel anbiete und der Omnipräsenz des Materialismus die Sprache entgegensetzen möchte. Sie stört sich daran, dass vom Text auf dem Grabstein bis zur Demokratie – vor allem in der Wissenschaft – Vieles auf Zahlen „reduziert“ wird.  

Einer der Stärken des Buches ist, dass die einzelnen Themen und Aussagen, von denen die Leserin manchmal nicht weiss, ob es Thesen, die persönliche Meinung der Autorin oder wissenschaftliche Erkenntnisse sind, wahrlich zum Nachdenken anregen und gängige Klischees (sollten es überhaupt solche sein) in Frage zu stellen. Regula Stämpfli prangert  an, dass aus Meinungen Tatsachen gemacht werden – wie beispielsweise in der Diskussion über die Minarett-Initiative. Jedoch ist dies ein Vorwurf, den man der Kolumnistin oft auch machen könnte. Die Wortspiele und Metaphern Stämpflis sind teilweise zugebenermassen vortrefflich gewählt und muten zum Schmunzeln an; an erfrischender Ironie und Zynismus scheint es der Exilbernerin definitiv nicht zu mangeln.

Gewisse Statements sind jedoch wenig überzeugend und werden so wenig ausgeführt, dass die Leserin sich stellenweise fragt, wie Frau Stämpfli zu ihren Schlüssen kommt: Die zunehmende Erfassung von bestimmten Konzepten mit Zahlen in der universitären Lehre schiebt Frau Stämpfli bspw. der Bolognareform zu. Letztere mag so ihre Schwächen haben, aber auf den Inhalt, der an Unis nun vermittelt wird, hat sie kaum Einfluss. Ausserdem werden heute Leistungsnachweise zwar in Form von Kreditpunkten vergeben, einen solchen Bewertungsmechanismus kannte aber auch schon das Lizenziatsystem (dort erhielt die Studentin dann einfach ein Testat und der Modulname wies aus, welchen Stellenwert dieses einnimmt). Ohne Zahlen geht es manchmal einfach nicht – Politikwissenschaftlerinnen müssten immerhin einen Grossteil ihrer Befunde begraben, wenn es diese nicht geben würde.

Etwas seltsam mutet auch an, dass auf 130 Seiten 13 Luxusmarken eine Plattform finden, obwohl das Werk diesen ja eigentlich kritisch gegenüber steht. Ansonsten sollen grosse Namen wie Huxley, Steinbeck und Heidegger die Diskussion befruchten, wie auch ein Blick in die angehängte, bei weitem nicht vollständige Literaturliste verrät. Dies erstaunt doch, da die Wissenschaft als Ganzes nicht wirklich gut wegkommt; einige Male werden „unsinnige“ Studien (bspw. die Studie von Georg Lutz über den Einfluss von Äusserlichkeiten eines Kandidaten auf dessen Wahlerfolg) nicht fundiert kritisiert, sondern mehr beiläufig der Forschungsgegenstand und die Resultate als lächerlich, irrelevant oder banal abgetan. Die Leserin könnte dabei auf die Idee kommen, dass gewisse wissenschaftliche Erkenntnisse nur in Frage gestellt werden, weil diese nach dem Stämpflischem Menschenbild einfach nicht so sein dürfen, wobei bspw. eine Kritik an der Methode der Sache doch eigentlich viel gerechter würde. Befunde, wie, dass an der Wallstreet sehr viel Testosteron herumfliegt, mögen vielleicht auf den ersten Blick tatsächlich banal sein. Der Mehrwert, den die Wissenschaft aber gegenüber alltäglichen Beobachtungen generieren kann, ist die Kunst des tatsächlichen Beweisens und Widerlegens von Thesen – behaupten ist immer einfach. Die Lutz’schen Resultate müssten Regula Stämpfli zudem eigentlich überzeugen, prangert sie doch immer an, dass Frauen in den Medien primär „aussehen“. Da dürfte ein Spill Over-Effekt zum Wähler bzw. von ihm zu den Medien doch nicht allzu absurd sein? Ausserdem könnte man der Autorin auch vorwerfen, dass sowohl Mann als auch Frau nach ihrem Aussehen beurteilt werden, wenn sie in ihrem nicht-autobiografischem 130-seitigen Büchlein gleich drei Fotos von sich selbst hinein- bzw. aufdrucken lassen.