Volksbefragung – Die SVP entdeckt den Begriff „Repräsentativität“

Posted on September 11, 2010 von

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Gestern veröffentlichte die SVP im Mitgliedermagazin Klartext erste Befunde zur Volksbefragung über die Asyl- und Ausländerpolitik. Im Heft wehrt man sich vehement gegen die Vorwürfe, die Umfrage sei nicht repräsentativ:

Viele Gegner der Volksbefragung weisen darauf hin, dass die Befragung nicht repräsentativ sei, da keine oder nur sehr wenige Fragebogen mit kritischen Stimmen ausgefüllt werden. Die Gefahr, dass lediglich SVP-Mitglieder oder Sympathisanten bei der Befragung mitgemacht haben könnten, ist allerdings nicht gegeben. Bei rund 15% der bereits eingegangenen Fragebogen sprachen sich die Leute dafür aus, dass es aus ihrer Sicht bei der Asyl- und Ausländerpolitik keine Probleme gäbe.

Zunächst einige Wort zum Repräsentativitätsbegriff. Eine Umfrage als repräsentativ oder nicht repräsentativ zu qualifizieren hat sich zwar gemeinhin eingebürgert. Um einen statistischen Fachbegriff handelt es sich jedoch nicht. In der Regel wird mit der Repräsentativität einer Stichprobe umschrieben, dass sie die Grundgesamtheit adäquat widerspiegelt. Die Teilnehmenden der Befragung (Stichprobe) sollen also ein verkleinertes Abbild des Volkes (Grundgesamtheit) sein.

Die Repräsentativität der SVP-Volksbefragung scheitert schon an einer sauberen Definition der Grundgesamtheit. Was ist das Volk? Sind es die Stimmberechtigten? Sind es Personen mit Schweizer Bürgerrecht? Oder gehören zum Volk auch alle in der Schweiz wohnhaften Ausländer? Immerhin ruft Natalie Rickli auf SVP TV auch diese zur Teilnahme auf und erklärt sie damit indirekt zu einem Teil des Schweizer Volkes.

Sehen wir einmal über dieses erste Problem hinweg… und wenden wir uns der Ziehung der Stichprobe, also der Auswahl der „Stellvertreterinnen“ zu. Für die repräsentative Umfrage entscheidend ist, dass alle Elemente der Grundgesamtheit (Personen die zum Volk gehören) die gleiche Wahrscheinlichkeit besitzen, ausgewählt zu werden (also an der Umfrage teilnehmen). Aber: Die Wahrscheinlichkeit einer Teilnahme an der SVP-Umfrage ist nicht bei allen Gruppen gleich gross:

Durch die Aufmachung der Studie, welche wie eine Parteizeitung erscheint, durch die parteipolitisch gefärbten Berichte, die einseitigen Grafiken und die tendenziösen Bilder sowie  durch das Parteilogo sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass Personen mit SVP-aversen Positionen an der Umfrage teilnehmen und damit Teil der Stichprobe sind. Die Wahrscheinlichkeit, dass deren Sympathisantinnen und Sympathisanten teilnehmen, ist hingegen ungemein grösser. Mann könnte allenfalls argumentieren, dass die Wahrscheinlichkeit einer Teilnahme bei extremen SVP Skeptikerinnen wieder steigt. Sicher ist aber, dass die Teilnehmenden der Volksbefragung keineswegs als Stellvertreter für die Grundpopulation „Volk“ taugen.

Das Zitat aus dem SVP-Magazin Klartext entbehrt jeder methodischen Fundierung. Die Tatsache, dass 15% der Teilnehmenden keinen Handlungsbedarf bei der Asylpolitik sehen, lässt die grundlegenden Fehler der Stichprobenziehung nicht verschwinden. Dass einige Kritikerinnen die Umfrage ausgefüllt haben bedeutet nicht, dass diese anteilmässig angemessen die Kritikerinnen in der Inferenzgruppe (Volk) vertreten.

Wozu dann dieser massive Aufwand? Auch wenn die Umfrage nichts taugt, bleibt die Aktion dennoch ein geniales Marketingtool. Die SVP ist sich bewusst, dass sie in Asyl- und Ausländerpolitischen Abstimmungen ihr Wählerklientel regelmässig übertrifft. Die Umfrage richtet sich an jene, welche die SVP-Positionen bei Abstimmungen befürwortet, sie bei Wahlen aber nicht berücksichtigt.

Die Umfrage an sich hat, wie der Politgeograf Michael Hermann feststellt, einen interaktiven Charakter und ist daher spannender als ein trockenes Parteiprogramm. Der wissenschaftskritischen SVP wird es ferner nicht schwierig fallen über die diskutierten Mängel an der Befragung hinwegzusehen und verkünden, dass sie die einzige Partei ist, welche das Volk versteht. Dies ist wahrlich gelebter Populismus.

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