Ein Drittel der KV-Lehrabgänger/innen steht ohne Job da

Posted on September 23, 2010 von

2


Mit der Wirtschaft geht’s bergauf, der Arbeitsmarkt erholt sich. Fachleute frohlocken und prophezeien wieder rosigere Aussichten. Und doch: nicht alle profitieren, nicht alle spüren den Aufschwung. Auf der Strecke bleibt – wie so oft – die Jugend. Die Arbeitslosenquote der 20- bis 24-Jährigen ist weit über der durchschnittlichen schweizerischen Arbeitslosenquote- im Januar 2010 erreichte sie gar einen Spitzenwert von 6,9%. Verglichen mit den katastrophal hohen Jugendarbeitslosenquoten im Ausland, wie etwa in Spanien (ca. 40%), mag ein grosser Aufschrei hierzulande möglicherweise überspitzt scheinen. Aber man darf nicht vergessen: Die Jugend ist die Zukunft eines jeden Landes und wo längerfristig, bedingt durch Arbeitslosigkeit, Berufsnachwuchs fehlt, entsteht volkswirtschaftlicher sowie auch gesellschaftlicher Druck.

Eine repräsentative Befragung des Kaufmännischen Verbandes Schweiz von rund 2000 KV-Lehrabgängerinnen und Lehrabgängern zeigt: Jede/r Dritte steht Mitte Juli 2010, unmittelbar nach den Lehrabschlussprüfungen, ohne Stelle da.

Mit dem Auslaufen des Lehrvertrages im Sommer befinden sich die jungen Berufsleute an einem wichtigen Wendepunkt ihres Lebens. Ein Lebensabschnitt geht zu Ende und eine neue Herausforderung – der Einstieg in die Berufs- und Erwachsenenwelt – steht an. Wie die Ergebnisse dieser Umfrage zeigen, wird in diesem Zusammenhang nicht zu Unrecht von einem „brüchigen Übergang“ gesprochen – ein nahtloser Übergang von der Ausbildung ins Berufsleben ist längst nicht (mehr) selbstverständlich, die Jobaussichten haben sich seit dem Krisenjahr 2009 leider unwesentlich verbessert.

Ein missglückter Übergang von der Lehre in die Arbeitswelt beeinträchtigt das Selbstwertgefühl und trägt zum Risiko einer verzögerten oder verpassten Integration in die Berufs- und Erwachsenenwelt bei. Ausserdem ist auf das überdurchschnittliche Risiko wiederholter Arbeitslosigkeit bei jungen Menschen hinzuweisen. Auch eine Berufslehre oder gar eine Berufsmaturität schützen nicht vor diesem unangenehmen Phänomen.

Aus den Resultaten dieser Befragung geht hervor, dass nur knapp mehr als die Hälfte aller Lehrabgänger/innen beim ehemaligen Lehrbetrieb bleiben kann. Bescheidene 14% finden bei einem neuen Betrieb eine Stelle.

Natürlich sind besonders die Lehrbetriebe dazu aufgefordert, ihren ehemaligen Lernenden eine Perspektive zu bieten und ihnen eine Weiteranstellung zu gewährleisten aber es ist in diesem Zusammenhang darauf hinzuweisen, dass rund 70% aller Betriebe in der Schweiz gar keine Lernenden ausbilden! Diese Betriebe sind sich ihrer gesellschaftlichen Verantwortung anscheinend nicht bewusst und entziehen sich ihr gänzlich wenn sie sich zudem scheuen, Berufseinsteiger/innen einzustellen.

Aus den Ergebnissen dieser Umfragen lassen sich ausserdem Schlüsse über die sogenannten „unsicheren“ Arbeitsverhältnisse ziehen- gemeint sind Praktika und befristete Anstellungsverhältnisse. 4,5% der Lehrabgänger/innen absolvieren ein Praktikum. Verglichen mit den letzten Jahren hat diese Zahl erfreulicherweise nicht zugenommen. Was aber in diesem Zusammenhang beunruhigt, ist, dass mehr als die Hälfte der Befragten diese Praktika beim ehemaligen Lehrbetrieb absolviert. Dies kann nach einer dreijährigen praxisbezogenen Ausbildung schlicht nicht sinnvoll sein. Gerade hier lauert eine erhebliche Gefahr von Dumpinglohn.

Eine gute Nachricht ist, dass dieses Jahr vermehrt unbefristete Anstellungsverhältnisse von den Arbeitgebern angeboten werden.

Obwohl die Resultate dieser Umfrage beunruhigen und möglicherweise Skepsis gegenüber dem schweizerischen Wirtschaftssystem hervorrufen – die Erfahrung zeigt, dass fast 80% der Lehrabgänger/innen innerhalb der ersten vier Monate nach Lehrabschluss eine Anschlusslösung finden. Dieser Erfahrungswert beruht auf den Resultaten früherer Befragungen des KV Schweiz. Anhand einer nächsten Befragungswelle im November wird sich also zeigen, ob die KV-Lehrabgänger/innen, welche im Juli 2010 noch keine Stelle hatten, sich mehrheitlich in den Arbeitsmarkt integrieren werden oder ob sie tendenziell eher in Richtung Arbeitslosigkeit und somit zum RAV (wo sie zum Erhebungszeitpunkt noch nicht registriert waren) wandern. Dies muss unbedingt verhindert werden- denn wie schon erwähnt, bleibt der erste Gang zum RAV leider oftmals nicht der letzte.

Der Kaufmännische Verband Schweiz führt alljährlich eine Lehrabgänger/innen-Umfrage mit dem aktuellen Jahrgang durch. Der Bericht zur ersten Erhebung im Juli 2010 kann unter folgendem Link eingesehen werden: http://www.kvschweiz.ch/Verband/Medien-und-Presse/Medienmitteilungen/Lehrabganger-Umfrage

Anna-Lena Schluchter aus Olten studiert im dritten Semester Politikwissenschaften an der Uni Zürich (mit den Schwerpunkten Vergleichende Politik und Internationale Beziehungen). Zurzeit absolviert sie ein Praktikum beim Kaufmännischen Verband im Ressort Jugendpolitik.

Posted in: Policies