Regula Stämpfli ist auch ein Michael Hermann

Posted on Oktober 19, 2010 von

20


Regula Stämpfli schäumte vor Wut: In ihrer gestrigen Kolumne auf  Radio 1 (nur für Erwachsene Politologinnen) liess die Nervensäge aus Brüssel ihrem Unmut über den aktuellen „Wahl-Mediendiskurs“ freien Lauf: Das Fass zu Überlaufen brachte Michael Hermann in einem Interview mit dem Tages-Anzeiger.  Der Sozialgeograf erklärte gestern (wieder einmal) wie die SVP den Wahlkampf gewinnen wird.

Stämpfli beklagt: Alle 48 Stunden verkünde der „Wahlvermesser mit dem politischen Reflektionsgrad eines Planktons“ per Tamedia Onlineportal, wie stark die SVP, wie entscheidend die Ausländerthematik und wie gut die Themensetzung der Partei sei. Radio und Fernsehen würden jeweils wie blinde Schafe folgen: Bestimmt werde der nächste „Club“ zum voraussichtlichen Wahlsieg der SVP stattfinden (Anm. der Verfasserin: heute kein Club).

Michael Hermann (Quelle: beobachter.ch)

In der gegenwärtigen „Medienschrottzeit“ schaffen Radio, Fernsehen und Print lieber Schlagzeilen, anstatt über fundierte Erkenntnisse zu informieren, meint Stämpfli. Dass etwa namhafte Persönlichkeiten aus Medien- und Politikwissenschaft an der Tagung zur „Herausforderung Demokratie“ zum Fazit kamen, die Medienlandschaft in der Schweiz sei demokratiefeindlich, habe jedenfalls keine Wellen geschlagen.

Stimmt, Frau Stämpfli! Anstatt die Fachexperten zu befragen, servieren uns die Medien Analysen von Factotum-Medienpolitologen. Michael Hermann hat zweifelsfrei seine Spezialgebiete. Viele Fragen könnten aber von anderen Wissenschafterinnen kompetenter erklärt und bewertet werden. Wären Medienschaffende wirklich an einer „state of the art“ Antwort interessiert, müsste oft anderen Experten das Wort gegeben werden. Meist reicht ihnen aber irgendeine Antwort; am liebsten knallig und mit viel Newsgehalt. So wie Stämpflis Bemerkungen eben.

Recherchen von Polithink haben ergeben: Gibt man in der Schweizer Mediendatenbank (SMD) Michael Hermann ein, erhält man für das letzte Jahr 377 Treffer (Claude Longchamp 307, Iwan Rickenbacher 199, Georg Lutz 192, Andreas Ladner 156, Regula Stämpfli 94, Adrian Vatter 58). Prof. Hanspeter Kriesi, ausgewiesener Experte für rechtskonservative Bewegungen, schafft es auf 29 Treffer. Schade: Gerade er vermochte in seinem Buch „Der Aufstieg der SVP“ 2005 durchaus plausibel zu erklären, warum der Erfolg der Partei über kurz oder lang an seine Grenzen stossen wird. Wir haben Hermanns Weigerung diese Resultate zu berücksichtigen bereits im April dieses Jahres zwei Artikel gewidmet.

Bei aller Medienscheilte müssen aber auch auch die Herren und Damen der Wissenschaft in die Pflicht genommen werden: Nicht selten fühlen sich die, die wirklich etwas zu sagen hätten, nicht dem öffentlichen Diskurs verpflichtet. Dies muss sich ändern. Ansonsten verkommt Kriesis Aussage von vergangenem Wochenede zu einer selbsterfüllenden Prophezeiung: „Medien-Logik ersetzt die politisch Logik, Politik verkommt zum Medienpopulismus“.

Zum Abschluss noch ein Wort an Frau Stämpfli: In der Schweiz sind zur Zeit keine Lehrstühle für Schweizer Politik mit Deutschen Professorinnen oder Professoren besetzt. Bitte leben Sie in Zukunft nach ihrem herausposaunten Credo und geben Sie nur dann ihre Meinung ab, wenn sie auch fundiert ist.

Liebe Grüsse von der erbsenzählenden, nicht denkenden Bologna-Studentin