Gianfranco Fini – Das Chamäleon

Posted on November 15, 2010 von

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Vergangenen Sonntag rief Gianfranco Fini den amtierenden Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi zum Rücktritt auf. Seither spitzt sich die Lage für den italienischen Rechtspopulisten unangenehm zu. Schon bald wird sich Berlusconi einem Misstrauensvotum stellen müssen. Wann es soweit sein wird, ist noch unklar. Sicher ist hingegen, dass er sich ohne die Unterstützung Finis kaum im Amt halten können wird. Wer ist dieser Gianfranco Fini überhaupt? Im Buch „Viva Mussolini!“ versucht sich Aram Mattioli in einem Kapitel der politischen Ausnahmeerscheinung anzunähern:

Vom militanten Neofaschisten…

1946 wurde der MSI (Movimento Sociale Italiano) als Sammelbecken der italienischen Neofaschisten gegründet. Die ideologische Verhaftung dieser Partei geht auf die RSI (Repubblica Sociale Italiana) zurück, welche von 1943 bis1945 mit der NSDAP kollaborierte. Als im Jahre 1987 der erst 35 jährige Gianfranco Fini zum Parteichef des MSI gewählt wurde, ahnte wohl niemand in welche Richtung der junge Mann aus Bologna die Partei führen würde. Fini, der mit 17 Jahren der Partei beigetreten war, wurde anders als das Gros der Mitglieder nicht während des Bürgerkrieges, sondern während den Studentenunruhen und Strassenkämpfen mit den Linken sozialisiert. Obwohl die Partei mit ihm quasi einen Generationenwechsel einläutete, bewegte sich Fini zunächst stramm auf dem alten Parteikurs: So feierte der Parteichef noch 1992 den Jahrestag der faschistischen Machtergreifung unter dem Spruchband „70 Jahre Geschichte, Kampf, Träume: Es lebe die faschistische Revolution“. Politisch stand der MSI für einen Staat, in dem Sicherheit oberstes Gebot war und die Todesstrafe für Schwerverbrecher wieder eingeführt werden sollte. Im Nahostkonflikt unterstützten die Antizionisten die Palästinenser.

Als die Neofaschisten 1994 an der ersten Regierung Berlusconis beteiligt waren, änderte sich an der programmatischen Ausrichtung der Partei zunächst nur wenig. Fini, selbst nicht Kabinettsmitglied, sorgte nur wenige Tage nach der Regierungsbildung für Aufsehen indem er Mussolini als den „grössten Staatsmann des 20. Jahrhunderts“ bezeichnete.

…mauserte er sich zum Postfaschisten…

Noch im Jahre 1994 machten sich bei Gianfranco Fini aber erste Anzeichen einer intellektuellen Absatzbewegung bemerkbar. Der Taktiker wollte nicht mehr als Extremist, sondern als geläuterter Postfaschist wahrgenommen werden:

Macht-und karrierebewusst zugleich war ihm nur allzu bewusst, dass im Europa der neunziger Jahre mit extremistischen Postionen keine „bella figura“ mehr zu machen war. (A. Mattioli)

Im Zuge des beispiellosen Tangentopoli-Korruptionsskandals konnte sich der MSI als saubere Partei positionieren, war jedoch auch durch neue Wahlgesetze herausgefordert. Schon ab 1993 wurden drei Viertel der Abgeordneten in Einerwahlkreisen nach Majorzverfahren gewählt. Fini war sich bewusst, dass damit zukünftig zwei konkurrierende Blöcke und nicht mehr einzelne Parteien die politischen Geschicke Italiens bestimmen würden. Der MSI wurde fortan in die AN (Alleanza Nazionale) umbenannt und ging Wahlbündnisse mit Forza Italia, der Partei Berlusconis ein. Diese von Fini in die Wege geleiteten geschickten Schachzüge liessen die Neofaschisten bei den Wahlen von 1994 eine reiche Ernte einfahren. Mit 13.5% der Wählerstimmen erzielten sie das beste Resultat seit 1945. Begleitet wurde die Transformation der Partei mit symbolischen Besuchen Finis bei verschiedenen Gedenkstädten des zweiten Weltkrieges und dem Slogan: „Wir sind weder Faschisten noch Antifaschisten. Wir sind einfach Postfaschisten“. Die politische Ausrichtung der neuen AN skizzierte Fini in einem Buch mit dem Titel „La mia destra“. Nach wie vor sollte der Staat stark sein. Dessen grundlegendes Fundament soll aber auf Demokratie und die Freiheit beruhen. Der Rassismus wurde verurteilt. Dennoch war auch in der neuen Partei das ideelle und kulturelle Erbe der Faschistischen Bewegung unverkennbar:

Emblematisch dafür ist, dass das MSI-Logo, dass eine züngelde Flamme über Mussolinis Sarkophag zeigt (…) keineswegs verschwand. (A. Mattioli)

…und entwickelte sich zu einem konservativen Antifaschisten weiter

Damit war die Metamorphose Gianfranco Finis aber keineswegs abgeschlossen. Aufgrund seiner grossen Ziele musste er noch mehr öffentlichen Respekt gewinnen. Er distanzierte sich von den Rechtspopulisten Jörg Haider und Jean-Marie Le Pen und besuchte die Konzentrationslager in Risiera di San Saba (Triest) und Auschwitz-Birkenau. Von den Besuchen beeindruckt schrieb er in das Besucherbuch von Auschwitz. „Es liegt nicht in der Möglichkeit des Menschen das Paradies auf Erden zu schaffen; gewiss schuf er hier die Hölle“. Die Aussage, dass Mussolini der Grösste Staatsmann des 20. Jahrhunderts gewesen sei, nahm er explizit zurück. Seine Bemühungen mit der Vergangenheit zu brechen und sich als geläuterten Konservativen zu inszenieren, gipfelten in einem offiziellen Israel-Besuch im Jahre 2003.

Diese Symbolpolitik wurde längst nicht von allen Parteimitgliedern goutiert. Alessandra Mussolini meinte, wenn Fini so weiterfahre, werde er von den männlichen Parteimitgliedern nächstens auch noch verlangen, sich beschneiden zu lassen. Fini galt vielen als zu links und verfassungstreu. Als dieser an einem Jugendfestival seiner Partei forderte, dass sich alle den „rundum antifaschistischen“ Werten der italienischen Verfassung verpflichten sollten, sorgte dies parteiintern für Protest: So liess etwa der Jugendverband der AN verlauten: „Wir werden niemals Anti-Faschisten sein“. Diese Beharrlichkeit überwunden geglaubter Orientierungen sieht Aram Mattioli als symptomatisch an.

So verschwand die MSI-Flamme über dem Sarkophag Mussolinis denn auch erst am 22.3.2009 aus dem Logo der italienischen Rechten. Es war jener Tag, als die AN in Silvio Berlusconis Sammelpartei „Popolo della Libertà“ aufging.