Jihad in der Schweiz?

Posted on Dezember 8, 2010 von

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Islamistisch motivierter Terror hat vor einigen Wochen erneut Schlagzeilen gemacht. Zwei Paketbomben, bequem mit FedEx aus dem Jemen per Luftpost verschickt, konnten dank eines Hinweises des saudischen Geheimdiensts und einer Portion Glück gefunden und entschärft werden. Verschickt wurde die explosive Fracht von Al Kaida in der Arabischen Halbinsel (AQAH), sozusagen eine Zweigstelle der Al Kaida – Zentrale in Pakistan.

Am meisten mediale Beachtung unter den AQAH-Exponenten erhält zurzeit Anwar Al Awlaki. Al Awlaki ist ein amerikanisch-jemenitischer Doppelbürger und predigt auf Youtube in fehlerfreiem Englisch den Krieg gegen die Ungläubigen. In der generellen Wahrnehmung sind „Terroristen“ bärtige Muslime welche Arabisch sprechen. Al Awlaki trägt seine Hassbotschaften auf Englisch plötzlich jedem Amerikaner sozusagen vor die Haustüre. Speziell in den amerikanischen Medien stösst dies auf grosse Resonanz.

Dieses Phänomen gilt nicht nur für die Hasspredigten Al Awlakis, sondern auch für AQAHs Publikationen. Seit Jahren gibt die Gruppe ein Heftchen namens „Sada al-Malahim“ („Echo der Schlachten“) auf Arabisch heraus. Dieses informiert die Jihadisten-Community über geschlagene Schlachten und ideologischen Entwicklungen. Seit die Gruppe ein englischsprachiges, hübsch gestaltetes PDF-Hochglanzmagazin namens „Inspire“ veröffentlicht, interessieren sich auch die Mainstream-Medien dafür.

AQAH ist mit dieser Entwicklung nicht allein. Während langer Zeit war der Löwenanteil der jihadistischen Literatur nur auf Arabisch erhältlich. Das schränkte den Empfängerkreis empfindlich ein. Seit zwei, drei Jahren zeigen verschiedene Terrorgruppen aber zunehmendes sprachliches Talent und publizieren ihre Videos und Traktate in verschiedenen europäischen Sprachen. Diese Raffinesse ist ein Zeichen dafür, dass zunehmend Europäer nach Pakistan und Afghanistan reisen, um sich dortigen jihadistischen Gruppen anzuschliessen. Berichte und Bildmaterial belegen, dass mehrere Dutzend Engländer und Deutsche sich verschiedenen Terrorgruppen im Afghanisch-Pakistanischen Grenzgebiet angeschlossen haben.

Schweizer scheint es dort wenige oder keine zu geben. Ein ehemals in der Schweiz ansässiger Tunesier begab sich Ende 2007 nach Angaben des Nachrichtendiensts des Bundes, in das afghanisch-pakistanische Grenzgebiet. Ob sich der Tunesier immer noch dort befindet ist nicht bekannt. Weitere Fälle sind nicht öffentlich bekannt.

Selbstgefälligkeit ist für die Schweiz aber nicht angebracht. Auch die USA hatten lange Jahre mit grosser Selbstsicherheit beobachtet wie sich in Europa Muslime bis hin zur Gewaltbereitschaft radikalisierten. Die Amerikaner gingen davon aus, dass das in ihrem Land nicht passieren könne. Die muslimische Bevölkerung sei ja – im Gegensatz zu Europa –gut integriert. Das Fort-Hood-Attentat, der Times-Square-Anschlagsversuch und der versuchte Anschlag in Portland haben aber demonstriert, dass sich das Land in falscher Sicherheit gewiegt hatte.

Auch wenn die Schweiz nicht im Mittelpunkt terroristischer Bemühungen steht und wenige Verbindungen zu etablierten terroristischen Organisationen zu bestehen scheinen, können Attentate von radikalisierten Einzeltätern nie ausgeschlossen werden.

Die Fichenaffäre beeinflusst zudem die Nachrichtendienst-Politik noch immer stark. Der Nachrichtendienst des Bundes (NDB) besitzt für Ermittlungen im Inland weniger weitreichende Kompetenzen als die benachbarten Nachrichtendienste. So darf der NDB in der Schweiz zum Beispiel keine nicht-öffentlichen Veranstaltungen belauschen. Das macht das Auffinden von gewaltbereiten radikalisierten Individuen nicht einfacher.

Anfangs November wurde in England die junge Studentin Roshonara Choudhry zu einer lebenslänglichen Haftstrafe verurteilt. Sie hatte im Mai dieses Jahres versucht den Parlamentarier Stephen Timms zu erstechen und diesen dabei mit einem Küchenmesser schwer verletzt. Die erwähnten Youtube-Videos von Anwar Al Awlaki scheinen dabei eine Rolle gespielt zu haben. In der Vernehmung gab Choudhry an, sie hätte mehr als 100 Stunden Filmmaterial von Al Awlaki geschaut und die Videos hätten sie zur Tat inspiriert. Mit Hilfe Awlakis kam sie zur Überzeugung es sei ihre Pflicht Stephen Timms für seine Unterstützung der Irak-Invasion gewaltsam zu bestrafen.

Der Fall dieser Studentin ist ein Paradebeispiel für zwei Dinge.

Erstens: Die Vorstellung, es gäbe ein „Terroristen-Profil“ (arm, unterprivilegiert, etc) ist obsolet. Dachte man nach dem 11. September noch, Terrorismus liesse sich auf einfache externe Faktoren (Einkommen, Status) herunterbrechen, hat die Realität diese Vorstellung inzwischen unzählige Male wiederlegt.

Zweitens: „Selbstradikalisierte“ Einzeltäter ohne Anbindung an ein Terror-Netzwerk sind gemeinhin nicht zu komplexen Operationen fähig. Die Befürchtung „selbstradikalisierte“ Individuen könnten ein paar Anleitungen im Internet lesen und dann eine professionelle Bombe bauen, hat sich nicht bewahrheitet. Terrorismus ist ein Handwerk wie jedes andere, und wer nie an einer rechten Ausbildungsstätte war, bringt es nicht zum Erfolg.

Zum Autor: Danny Bürkli organisierte diesen Sommer die IFIL-Studienreise nach London zum Thema „Radikalisierung und politische Gewalt“. Mehr Informationen zur Initiative for Intercultural Learning (IFIL) gibt’s in diesem Polithink-Artikel oder unter www.ifil.ch.

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