Ein Besuch an der Jahreskonferenz des Islamischen Zentralrates der Schweiz

Posted on Februar 20, 2011 von

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von Anna-Lena Schluchter

Es herrscht grosser Andrang vor dem Eingang des Bieler Kongresshauses. Eine riesige Menschentraube versammelt sich vor den gläsernen Türen – Junge, Alte, Männer, Frauen, Frauen mit Kindern und Kinderwägen warten geduldig auf den Einlass. Auf der Strassenseite gegenüber versammelt sich eine kleinere Menschenmenge. Sie hält Plakate hoch, die „Menschenrechte für alle auch in moslemischen Staaten“ und „Solidarität mit Opfern der Gewalt“ fordern. Ein erstes Klischee ist erfüllt aber es läuft alles ganz ruhig und wohl auch friedlich ab – auch kein übertriebenes Sicherheitsaufgebot oder aggressive Gegendemonstranten beispielsweise aus dem rechten Lager sind  wahrzunehmen. Die Minuten vergehen und plötzlich teilt sich die Menge. Frauen und Männer strömen zu unterschiedlichen Eingängen. Geschlechtertrennung, früher als erwartet, schon bevor es überhaupt richtig los geht.

Nicholas Blancho (Quelle: bielertagblatt.ch)

Im Eingangsbereich warten ein Apéro und Stände mit unterschiedlichen Angeboten auf die Besucherinnen und Besucher – Kleidung, Make-up, orientalische Kerzen, Laternen, Bilder und vieles mehr gibt es zu bestaunen.

Mit ein wenig Verspätung ruft Qaasim Illi (Pressesprecher des IZRS und Moderator der Jahreskonferenz), flankiert von zwei stämmigen Bodyguards, nun zur Begrüssung und zur Eröffnung der Jahreskonferenz in den grossen Kongresssaal. Die Frauen sitzen in der linken Hälfte des Saales, rechts drängen sich die Männer – Platz ist dort knapp, die Schranke in der Mitte des Raumes lässt aber keine Fluktuation zu.
Illis Stimme dröhnt über die etwas zu laut eingestellten  Lautsprecher, begrüsst alle Anwesenden,  ganz besonders die zahlreich erschienenen Pressevertreter/innen und man wird auch im Verlauf seiner Rede das Gefühl nicht ganz los, dass er mehr zu Kritikern und Medien spricht als zu seinen Schwestern und Brüdern im Glauben. Er stellt auch gleich klar, dass, wer Hassprediger und ähnlich Umstrittenes an dieser Konferenz erwartet, hier ganz falsch sei. Recht hat er.
Am Herzen liegen ihm die Einigung der Muslime, das kollektive Aufwachen aus der Lethargie, das aktive Agieren, denn „weil man unauffällig war, konnte das Minarettverbot nicht abgewehrt werden“. Auch im weiteren Verlauf seiner Rede, hat man den Eindruck, dass ein grosser Teil seiner visionären Definition einer kollektiven Identität der Muslime nur als Reaktion auf (unerfreuliche) politische Geschehnisse und Entwicklungen von „aussen“  funktioniert. Man wolle den Islam selbst definieren und sich nichts aufzwingen lassen.

In Anlehnung an die aktuellen Geschehnisse in der arabischen Welt spricht er ein panislamisches Bewusstsein an, weist auf die „gelungene Interaktion zwischen Moderne und islamischer Identität“ hin, denn die Revolutionen waren schliesslich nur durch moderne Kommunikationsmittel wie Facebook, Twitter und auch Al Jazeera möglich. Es geht Illi um die kollektive Wahrnehmung der Identität der Umma. „Wir sind alle Ägypter“ – Solidarität mit den Brüdern und Schwestern im Glauben. Darauf erhebt sich der ganze  Saal zu einer Schweigeminute für die „Märtyrer“ in der arabischen Welt. Ein schöner Gedanke.
Dahingestellt sei an dieser Stelle, ob die „Märtyrer“  sich in erster Linie als Mitglieder der muslimischen Umma fühlten, oder ob der Wunsch nach Demokratie und Freiheit ihr primär einender Gedanke war.

Als nächstes spricht der nicht weniger eloquente Nicolas Blancho (Präsident des IZRS) vor den rund 1500 bis 2000 Besucherinnen und Besuchern. Er spannt einen geschickten Bogen in seinem Referat -tadelt die Rückständigkeit, die schlechte Bildung, die Korruption, sowie die Lage der Frau in vielen islamischen Ländern, spricht sich gegen die vielen unterschiedlichen muslimischen politischen Gruppierungen aus, ruft schliesslich wiederum zur all umfassenden Einheit auf, will die unwürdige Opferhaltung nicht mehr sehen und kommt zum Kernthema seiner Rede: Die muslimische Gemeinschaft soll ihr volles Potenzial ausschöpfen. Denn dies geschieht seiner Meinung nach bisher nicht. Und er wird nicht müde, darauf hinzuweisen, dass 50 Prozent dieses Potenzials die Frauen ausmachen. Er mahnt seine Brüder, die Schwestern zu ermutigen und zu unterstützen, denn ohne ihren Beitrag wird das Potenzial der muslimischen Gemeinschaft weiterhin nur zu 50 Prozent genutzt. Auch die Mitaktivität der Jugend ist ihm ein Anliegen, denn wie in Tunesien und Ägypten, kann auch hier die Jugend eine neue Ära  einläuten.

Auf die Rede von Blancho folgt eine kurze Pause pünktlich für das Asr-Gebet, auch zu einem späteren Zeitpunkt soll den Besucherinnen und Besuchern die Möglichkeit geboten werden, dank der Pause für das Maghrib-Gebet, keines der fünf Gebete wegen der Veranstaltung zu verpassen. Das Programm der Jahreskonferenz dauert noch bis tief in die Nacht. Referate von prominenten Gastrednerinnen und Gastrednern, musikalische Intermezzi sowie ein Podium warten auf die Besucherinnen und Besucher, die noch nicht müde sind. Denn das Programm ist zweifellos anspruchsvoll und braucht wohl einige Ausdauer. Und so drängen sich zwischendurch mal mehr mal weniger Menschen im Eingangsbereich um die Stände, tauschen sich aus, schliessen vielleicht neue Bekanntschaften.

Dieser Grossanlass ist sehr professionell organisiert und wartete mit einem beeindruckenden Programm auf. Und doch wird man den Eindruck nicht los, dass viele Besucherinnen und Besucher vielleicht weniger wegen der Vorträge kommen, sondern mehr, um sich mit Bekannten auszutauschen, um Gleichgesinnte zu treffen und um die Gemeinschaft, die Umma zu spüren.

Und genau das ist es, was gerade Blancho pausenlos propagiert: Die Rückbesinnung auf die Umma, die kollektive islamische Identität, die über Nationalitäten, sogar über Landesgrenzen hinweg eint, der kleinste oder doch der grösste gemeinsame Nenner?
Und genau dieser Umgang mit der islamischen Identität als erste und einzige Schicht einer menschlichen Identität, so wie sie von Blancho propagiert wird, mag für Aussenstehende anecken. So tadelt er wiederum, diesmal ein wenig ironisch die vielen Kriminellen, Raser, Schuldrücker und Unruhestifter – und nennt sie Muslime. Muslime, die ihr Potenzial nicht ausschöpfen. Er nennt sie nicht Albaner, Schweizer, Türken, Immigranten, Männer, Aargauer, Hip-Hopper,  oder was auch immer. Ob die Betroffenen sich aber tatsächlich als Muslime fühlen oder ob sie ihre Identität anders definieren, ist irrelevant.

Illi hat Recht. Wer Hassprediger, Aufrufe zum Jiihad und all zu einfach kritisierbare Rhetorik erwartet, bekommt diese nicht serviert an dieser Jahreskonferenz. Die anwesenden Gläubigen freuen sich über das Beisammensein und planen keinen Terroranschlag. Und doch werden  Klischees erfüllt: Die Mehrheit der Männer trägt einen langen Bart, die Frauen tragen praktisch ausnahmslos ein Kopftuch. Unter den Anwesenden sind ein paar „ganzkörperverschleierte“ Frauen, vielleicht einige mehr als erwartet.Das einzige was wirklich schockiert, sind die doch einigermassen zahlreich anwesenden Kleinkinder mit Kopftuch!

Die schillernden Persönlichkeiten sind aber nicht die Mitglieder des IZRS, sondern vor allem Qaasim Illi und Nicolas Blancho, die teils an ihren Anhängern vorbei reden, aber perfekt als Entertainer und Aushängeschilder funktionieren. Es sind diese beiden und vielleicht noch Illis verhüllte Frau Nora, die aber weitaus weniger eloquent ist, auf welche die Medien ansprechen und welche mit ihren Aussagen auch weiterhin im Gespräch bleiben werden.
Aussagen und die dadurch hervorgerufenen Reaktionen ergeben ein kontinuierliches und bekanntes Politspiel, welches auch ausserhalb dieses Kongresses funktioniert – wo hier beispielsweise ein grosses Feindbild die SVP ist, ist es dort der IZRS. Ein Spiel, das für beide Seiten Früchte trägt.
Im Grossen und Ganzen gibt diese Jahreskonferenz auch Aussenstehenden einen transparenten Einblick. Und doch hinterlässt sie vielleicht ein wenig Ratlosigkeit, denn wirklich fassen kann man diesen Verein, der sich aus so unterschiedlichen Mitgliedern zusammensetzt, eben trotzdem nicht.

Muslimische Integration gibt es, obwohl am Kongress nicht gross erwähnt, natürlich doch: Auf dem Weg zum Bahnhof hat der Döner in der Imbissbude, die von zwei taffen, jungen, türkischstämmigen Bielerinnen geführt wird, dann besonders gut geschmeckt.

Lesetipp:

Das Buch von Elham Manea „Ich will nicht mehr schweigen“ eignet sich wunderbar, für diejenigen, die sich einen kurzen Überblick über die Thematik „der Islam und der Westen“ verschaffen wollen. Das Buch behandelt angesprochene Themen wie die Islamische Identität, erklärt und beschreibt nachvollziehbar die gesellschaftlichen Entwicklungen nach einschneidenden politischen Ereignissen vor allem auch in der Schweiz und eignet sich gut als Einstieg für Interessierte.

Zur Autorin: Anna-Lena Schluchter aus Olten studiert im vierten Semester Politikwissenschaften an der Uni Zürich mit den Schwerpunkten Vergleichende Politik und Internationale Beziehungen sowie Arabisch und Militärgeschichte in den Nebenfächern.