Kapitalismus diskutieren

Posted on Februar 26, 2011 von

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Am vergangenen Donnerstag durfte ich im Hofwil-Gymnasium ein Podium über Kapitalismus leiten. Grundsätzlich stellte sich mir die Frage: Wie gut kann eine Diskussion über ein so weitreichendes Thema sein? Wohl wurde über Kapitalismus diskutiert, doch durchdrungen wurde die Materie nicht. Ein Indikator hierfür sind die vielen ungestellten Fragen. Aber auch die Antworten auf die gestellten Fragen hätten beliebig vertieft werden können.

Damit ich nicht falsch verstanden werde: An den Gästen lag es nicht. Diese vertraten mit viel Engagement und Leidenschaft ihre Positionen. Sicher: Den Hess-Effenk konnten Tanja Walliser (JUSO), Bettina Dyttrich (WOZ), Elias Maier (JFS) und Fabian Schnell (FDP, economiesuisse) beim Publikum nicht hervorrufen. Aber mal ehrlich: Vielleicht brauchen wir auf den Schweizer Podien nicht mehr, sondern weniger Erich.

Das Herzstück des gestrigen Abends waren sicherlich die Fragen rund um das neue SP-Parteiprogramm. Konkret geht es um folgende Passage:

Die SP Schweiz war und ist eine Partei, die den Kapitalismus nicht als Ende und schon gar nicht als Vollendung der Geschichte akzeptieren will. Sie hat immer eine Wirtschaftsordnung ins Auge gefasst, die über den Kapitalismus hinausgeht und diesen durch die Demokratisierung der Wirtschaft letztlich überwindet. (Quelle: Parteiprogramm der SP 2010)

Doch wie soll dieser Programmpunkt umgesetzt werden? Welche Schritte sind notwendig, um den Kapitalismus zu überwinden? Tanja Walliser betonte, dass die Wirtschaft einen Demokratisierungsprozess durchlaufen muss: Ähnlich wie das Volk in einer Demokratie, sollen ArbeiterInnen in einer Firma mitentscheiden können. Ein zentrale Rolle soll das Modell der Genossenschaft spielen.

Die Vertreter der FDP vermochten diese Vorschläge freilich nicht zu überzeugen. Die Demokratisierung würde ein parasitäres Verhalten der Angestellten hervorrufen. Fundamentaler scheint mir aber der Einwand, dass sich die meisten von der SP vorgetragenen Vorschläge, im Rahmen des bestehenden wirtschaftlichen Systems bewegen. Von einer eigentlichen Überwindung des Kapitalismus kann durch das Fördern von Genossenschaften nicht gesprochen werden.

Nicht zuletzt aufgrund zahlreicher Publikumsfragen waren die übrigen Diskussionspunkte breit gestreut: endliche Ressourcen, unendlicher Profit, Managerlöhne, Sozialversicherungen, Kuba… Die Tatsache, dass über all dies gesprochen wurde ohne, dass wir vom eigentlichen Thema abwichen, stimmt mich nachdenklich: Wenn vier sachkundige PodiumsteilnehmerInnen innerhalb eines Abends bestenfalls an der Oberfläche des Konstrukts „Kapitalismus“ kratzen… wie sinnvoll ist es dann dieses Wort 16 Mal in einem Parteiprogramm zu verwenden? Und vielleicht entscheidender: wie will dann eine Partei damit griffig und verständlich auf Stimmenfang gehen?

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