Wer wählt die FDP?

Posted on Oktober 8, 2011 von

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Wieso wählt jemand SP, wieso ein anderer SVP und eine dritte FDP? Eine Möglichkeit die Parteipräferenzen einzelner zu erklären bietet die soziostrukturelle Denkschule. Verfechter dieses Ansatzes gehen davon aus, dass politische Parteien tiefgreifende soziale Konflikte abbilden. Eine politische Partei setzt sich also für ein ganz bestimmte soziales Milieu ein; dies wiederum führt zu einer Verfestigung der Bindung zwischen Milieuangehörigen und Partei.

Denken Sie mal an die FDP. Noch heute ist für viele klar: Die FDP ist eine städtische und protestantische Kraft. Als solche bietet sie eine Heimat für alle aktiven Befürworter der wirtschaftlichen Öffnung.

Doch inwiefern lässt sich dieses Bild empirisch halten?

Lineare Regression FDP (Quelle: Simon Lanz - "Mittewahl - Millieuwahl ?" - 2011)

Eine Analyse der eidgenössischen Wahlen 1995 und 2007 zeigt, dass sich das Profil der FDP-Anhängerinnen keinesfalls derart eindeutig ist. Mehr noch: In den vergangenen 12 Jahren hat es sich stark gewandelt.

Wider aller Erwartungen war die FDP 1995 eher eine Partei der Land- und nicht etwa der Stadtbevölkerung. Diese Eigenschaft hat sie bis bis zu den Wahlen 2007 jedoch abgelegt, sodass Bewohner der ländlichen Regionen heute fünf Prozent weniger wahrscheinlich FDP wählen als zwölf Jahre zuvor. So wird die FDP heute in der Stadt und auf dem Land gleichermassen gewählt, oder eben nicht gewählt. Von einer speziell urbanen Partei kann allerdings nicht die Rede sein.

Und wie verhält es sich mit der Religion? Ist die FDP nach wie vor die Partei der Protestanten? Nein. Denn: Anders als dies etwa bei CVP oder der SVP zu beobachten ist, zeigt sich der Religionskonflikt bei der FDP nicht entlang der Konfessionen, sondern entlang der christlichen Religion im Generellen. So war es zumindest im Jahr 1995: Ob praktizierende oder nichtpraktizierende Protestantinnen; Ob praktizierende oder nichtpraktizierende Katholiken: Alle wählten sie deutlich wahrscheinlicher FDP als Personen ohne, resp. Angehörige anderer Religionen. Aber selbst diese gruppenspezifischen Präferenzen sind heute verschwunden. Keine der konfessionellen Gruppen wählt heute signifikant stärker FDP als nichtreligiöse Personen. Kurz: Die Zuneigung der FDP ist heute eine religionsunabhängige Frage.

Aufgrund der betont wirtschaftsliberalen Politik der FDP können wir im Hinblick auf die sozialen Klassen massive Vorbehalte der Arbeiter und eine starke Zuneigung der Manager erwarten. Tatsächlich lag die FDP-Wahlwahrscheinlichkeit 1995 bei den Arbeiterinnen rund acht Prozent tiefer als jene der Manager. Noch deutlicher hingegen ist die Abneigung der soziokulturellen Spezialisten (-12 Prozent). Darunter fallen etwa Lehrer, Sozialarbeiterinnen oder Journalisten. Ähnliche Effekte konnten für die Assistenten und die technischen Berufsgruppen beobachtet werden. Während sich diese Effekte für die soziokulturellen Spezialisten und der Arbeiterinnen in den vergangenen Jahren weiter akzentuierten, verringerte sich die ablehnende Haltung der Technikerinnen stark. 2007 neu hinzu, kam die Schwäche der FDP sich bei den Dienstleistenden (etwa Krankenpfleger oder Detailhändlerinnen) Wählerstimmen zu sichern. Diese Gruppe wählt heute deutlich weniger wahrscheinlich FDP als noch im Jahr 1995. Die FDP ist heute also eine Partei der Manager, der Techniker und der Selbständigen. Dies dürfte dem Selbstverständnis und der öffentlichen Wahrnehmung entsprechen.

Ansonsten hat der FDP Wähler stark an Profil verloren. Er kann aus der Stadt oder vom Land kommen. Er kann katholisch, protestantisch oder nicht religiös sein. Einzig die Klassenzugehörigkeit dürfte die Wahlwahrscheinlichkeit beeinflussen: Haben Sie einen Manager, Techniker oder Selbsttätigen vor sich, ist die Wahrscheinlichkeit dass er am 23. Oktober FDP wählt, erhöht. Sollte er keinen dieser Gruppen zuzuordnen sein, sollten Sie nicht ihr Geld auf eine FDP Wahl verwetten.

Wie wir in einem Folgebeitrag über die CVP-Wahl sehen werden, sind diese Resultate für die FDP nicht unproblematisch. Denn: Das Profil der Sympathisantinnen dieser Parteien gleicht sich an. Nicht nur fischen beide Parteien im gleichen Teich, sie wollen auch denselben Fisch an Land ziehen.

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Diesem Beitrag folgt der Artikel Wer wählt die CVP?

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