Schweizerinnen wählen SVP?

Posted on Oktober 17, 2011 von

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Ein knackiger junger Mann spaziert durch die Badi und zieht wie ein Magnet Frauenblicke auf sich. Kurz darauf der Ablöscher: Er setzt sich auf ein Badtuch mit Europaflaggenmotiv. Die Frauen wenden sich abgetörnt ab. Logisch, denn Schweizerinnen wählen SVP!

Anderer Tag, andere Badi: Ein junger Typ betritt die Wiese, entblösst seinen Adoniskörper und packt sein Badtuch aus. Die weiblichen Besucherinnen sind sichtlich angetan…bis sie die heitere SVP Sonne auf dem Badetuch erblicken, auf dem sich der Schönling räkelt. Das Interesse ist weg: Toutes les Suisses ne votent pas pour un parti xénophobe, séxiste, nationaliste et patriarcal.

Welcher Clip bildet nun aber eher die Wirklichkeit ab: Finden Frauen Euroturbos oder SVPler sexier?

Im Hinblick auf die unterschiedlichen Wahlpräferenzen von Mann und Frau spricht man in der amerikanischen Politikforschung vom Gender Gap. Erstmals beobachtet wurde dieses Phänomen in den 50er Jahren als Studien die Vorliebe amerikanischer Frauen für die Republikanische Partei feststellten. Erklärt wurde dieses Wahlverhalten mit starken religiös motivierten konservativen Werten der Frauen und der schwachen Teilnahme am Arbeitsmarkt.

Während Politikwissenschafter der 50er Jahre erwarteten, dass sich mit der Aufnahme der Erwerbstätigkeit das Wahlverhalten der Frauen demjenigen der Männer angleichen würden, stellt man heute fest, dass sich erwerbstätige Frauen eher noch liberaler und linker als die Männer positionieren: Gemäss der jüngeren Gender Gap Literatur gibt es einen klaren Wählerinnenblock, welcher die Demokraten und damit eine liberale bis linke Politik bevorzugt. Erklärungsfaktoren für diesen Wandel sind etwa der Modernisierungsprozess und die damit einhergehende Entwicklung postmaterialistischer Werte, die Entfamiliarisierung und eben der Eintritt der Frauen in die Arbeitswelt. Frauen bekleiden öfter soziale Berufe oder Tätigkeiten im öffentlichen Sektor und sehen dementsprechend eher die Notwendigkeit und die Vorzüge des Wohlfahrtsstaates. Nicht zuletzt sind Frauen auch stärker vom Wohlfahrtsstaat abhängig, etwa um Beruf und Familie zu vereinbaren. Wer eine positive Einstellung zu staatlichen Leistungen hat, wählt sodann auch mit grösserer Wahrscheinlichkeit eine linke Partei.

Und wie sieht die Situation in der Schweiz aus? Bei den Wahlen 2003 haben Frauen signifikant weniger SVP gewählt als Männer. In einem 2006 erschienenen Artikel diskutieren und analysieren die PolitikwissenschafterInnen Marie-Christine Fontana, Andreas Sidler und Sibylle Hardmeier diesen Gender Gap. Die Resultate zeigen ein komplexes Bild: Soziostrukturelle Faktoren wie das Alter oder Religion können zwar die SVP-Sympathien der Männer, nicht aber jene der Frauen erklären. Eigenschaften, welche also in der Forschung über die Neue Rechte gängig sind, um das Wahlverhalten zu erklären, weisen nur für die Männer eine tatsächliche Erklärungskraft auf.

Einzig die Einstellung zur EU vermag die stärkere SVP-Abneigung der Frauen ansatzweise zu erklären: Die Position zum EU-Beitritt ist in Hinblick auf die SVP Wahl entscheidend: Wer für einen EU-Beitritt ist, hat eine sehr geringe Wahrscheinlichkeit SVP zu wählen. Frauen befürworten den EU-Beitritt signifikant mehr als Männer und neigen deshalb auch weniger dazu der SVP ihre Stimme zu geben. Auch zeigt die Untersuchung, dass berufstätige Frauen weniger ausländerfeindliche Positionen haben als die berufstätigen Männer. Weshalb dies aber so ist, kann die Studie nicht aufschlüsseln. Die Autoren äussern jedoch die Vermutung, dass Frauen in frauentypischen Berufen weniger stark dem Globalisierungsdruck ausgesetzt sind und dementsprechend weniger dazu neigen ausländerfreindliche Einstellungen und EU-gegnerische Positionen zu entwickeln.