Schon gewählt?

Posted on Oktober 22, 2011 von

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Noch einen Tag bis zu den Eigenössischen Wahlen. In meiner Heimatgemeinde Olten waren bis vor vier Tagen erst 18 Prozent der Wahlcouverts eingegangen, in meinem Studienort Genf haben bis heute 35.44 Prozent ihre Stimme abgegeben. Gemäss aktuellstem Wahlbarometer vom gfs.bern kann mit einer Wahlbeteiligung von 49 Prozent gerechnet werden. Dies würde etwa dem Anteil der Urnengänger bei den Wahlen 2007 entsprechen. In der Schweiz geht also nur rund die Hälfte aller Stimmberechtigten zur Urne.

BEDENKLICH, würde etwa der niederländische Politikwisseschafter Arendt Lijphart sagen. Er sieht die zentrale Gefahr einer niedrigen Wahlbeteiligung darin, dass ungleiche Stimmbeteiliung einer ungleichen politischen Einflussnahme gleichkommt. Dies gilt insbesondere für weniger privilegierte Bevölkerungsschichten, welche durch ihre Stimmabstinenz eine mangelhafte politische Vertretung in Kauf nehmen müssen. Er ist deshalb ein starker Befürworter der Wahlpflicht, wie sie etwa in Belgien oder in der Schweiz im Kanton Schaffhausen existiert. Je mehr Bürger zur Urne gehen, desto repräsentativer die Politik!

RATIONAL, sagen die Vertreter der Rational Choice Schule. Sie fragen sich, warum die Leute überhaupt wählen gehen. Immerhin ist die Wahrscheinlichkeit, dass die eigene Stimme einen tatsächlichen Einfluss auf das Resultat haben wird, geringer als ein Sechser im Lotto. Bei einer reinen Abwägung von Kosten (Informationen beschaffen, Informationen verarbeiten, Entscheidung treffen,Unterlagen ausfüllen, zur Urne gehen) und Nutzen (favorisierte Kandidaten/ Partei gewinnen) kommen Vertreter der Rational Choice Schule also zum Schluss:

„It’s better to stay at home and save some shoesole“

Doch ist der Aufwand tatsächlich so gross und der Nutzen so gering? Politikwissenschafter John H. Aldrich meint nein. Er bezeichnet das Wählen als eine „low cost- low benefit“ Handlung. Er argumentiert, dass die gängigen Rational Choice Argumente beim Wählen nicht gut greifen, weil es beim Wählen nicht um eine klassische kollektive Handlung geht. Dadurch, dass sowohl Kosten wie Ertrag gering sind, können die kleinsten Veränderungen der Aussichten auf Kosten oder Nutzen entscheidend sein: Wird eine Wählerin vom Nutzen ihrer Stimme überzeugt, wird sie diese auch nutzen. Denn so erscheint der Nutzen hoch, die Kosten bleiben jedoch weiterhin gering. Wenn es um die Mobilisierung geht sieht Aldrich PolitikerInnen und Parteien deshalb am Schalthebel. So hat etwa Barak Obama über seine Social Media Offensive zahlreiche junge Menschen zur Urne bewegen können.

Als Erklärung, warum sich in der Schweiz die Stimmbeteiligung seit Jahren um rund 50 Prozent bewegt, dient die grossen Vielfalt an alternativen Partizipationsmöglichkeiten. Durch Referenden und Initiativen verfügt das Volk über Instrumente um in den Gesetzgebungsprozess einzugreifen. Würde das Schweizer Volk am morgigen Tag die volle politische Verantwortung für die kommenden vier Jahre einzig in die Hände der Parlamentarierinnen und Parlamentarier übergeben, dürfte auch die Wahlbeteiligung etwas höher liegen.

Warum sollten wir also wählen gehen?

Eine Auswahl an Argumenten geben hier Prominente aus unserem nördlichen Nachbarland. Das Video entstand im Rahmen der Deutschen Bundestagswahlen 2009 und wurde von probono und politik-digital.de unter dem Projekttitel „Geh nicht hin!“ produziert, um die Auseinandersetzung mit dem Wählen anzuregen.

Warum geht ihr wähen? Braucht es eine Wahlpflicht? Ist es überhaupt wünschenswert, dass mehr Leute wählen gehen?

Die Diskussion ist eröffnet!