Es verlieren die SVP und Michael Hermann

Posted on Oktober 24, 2011 von

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Die SVP verliert über dreieinhalb Prozent an Wählerstimmen.

Mit diesem Resultat verlieren auch jene Politikbeobachter, die den ungebremsten Aufstieg der SVP prophezeiten. Allen voran Michael Hermann.

An einen ungebremsten Aufstieg habe ich aus zwei Gründen nie geglaubt: Erstens würde dieser der Forschungsliteratur fundamental widersprechen. Und zweitens blieb Michael Hermann eine Überprüfung seiner These bis heute schuldig.

Zum ersten Punkt: 2005 schrieben Kriesi und seine Mitautoren erstmals über das Ende des Aufstiegs der SVP. Sie stellten fest:

“Die Potenziale sind ausgeschöpft, die Sättigung ist erreicht. Die Partei wird kaum weiter wachsen.”

Zwei Jahre später legte die Volkspartei national 2.2 Prozent an Wählerstimmen zu. Auch wenn Kriesis Aussage damit an Validität verlor, die ihr zugrundeliegende Analyse tat es nicht. Worauf beruhte sie? In ihrer Analyse stellten die Forscher fest, dass sich das Potential der Partei seit Beginn ihres rasanten Stimmengewinns nicht vergrössert hat. Ihr Erfolg beruhte in erster Linie auf einer nie gesehenen Ausschöpfung des eigenen Wählerpotentials (mehr zu Potential und Ausschöpfung in diesem Polithink-Artikel).

1995 schöpften CVP, FDP, SVP und SPS etwas mehr als ein Drittel ihres Potentials aus. Für die CVP, FDP und SPS veränderte sich diese Ziffer bis ins Jahr 2007 kaum. Die SVP anderseits konnte ihre Ausschöpfungsquote binnen kurzer Zeit massiv steigern. Plötzlich wurden sie von 72 Prozent jener Leute, die sich eine SVP-Wahl vorstellen konnten, tatsächlich gewählt. Kriesis Zitat beruht grundsätzlich auf der einfachen Feststellung, dass eine Steigerung der Ausschöpfung nicht unbegrenzt weitergehen kann (mehr über die These Kriesis in diesem und diesem Polithink-Artikel).

Michael Hermann wies diese These zurück und beschwörte wiederholt den ungebremsten Aufstieg der SVP:

„Der SVP-Vormarsch ist nicht zu stoppen“; „Warum der Aufstieg der SVP weitergeht„; „Die SVP könnte noch weiter zulegen“„Die Marke SVP ist so stark, dass die Partei offenbar noch immer expandieren kann“

Das Zurückweisen von Kriesis Stagnationsthese ist an sich kein Problem. Schliessich wird der wissenschaftliche Diskurs gerade von kritischen Personen belebt. Kritiker sollen aber alternative Erklärungen präsentieren und testen. Während Hermann den ersten Schritt vollzog, blieb er Belege schuldig.

Die alternative These präsentierte er insbesondere in seiner Kolumne:

Kriesis Thesen stimmten bis zu den Wahlen 2007. Seither befinden wir uns in der Phase zwei des SVP-Wachstums. Diese wurde eingeläutet mit der Abwahl Christoph Blochers aus der Regierung und dem Gang der SVP in die Opposition. (…) In der Schweiz wird der Aufstieg der SVP weitergehen, bis sie irgendwann als verantwortliche Regierungspartei wahrgenommen und entzaubert wird.

Wieso die Abwahl Blochers einen zweiten Schub auslösen sollte, bleibt unklar. Das Problem der kaum zu steigernden Ausschöpfungsquote bleibt bestehen. Und nochmals: für eine Erhöhung des Potentials gibt es keine empirischen Befunde. Ferner wird auch die Aussage, dass die SVP nicht als verantwortliche Regierungspartei wahrgenommen wird, nicht untermauert. Es ist die populärwissenschaftliche Analyse eines aufmerksamen Zeitungslesers.

Hermann unterlegt seine These des ungebremsten Aufstieges gerne mit den Ergebnissen in kantonalen Wahlen. Tatsächlich: Auf kantonaler Ebene legte die SVP innerhalb der letzten vier Jahre um 1.2 Prozent zu. Drei Antworten möchte ich hierzu geben: Erstens kann bei 1.2 Prozent kaum von einer zweiten Welle die Rede sein. Zweitens haben sich die kantonalen Wahlen bereits 2007 als mässiger Indikator für die nationalen Wahlen erwiesen. 2011 ist diesbezüglich kein neues Phänomen. Drittens liegt die SVP in den Kantonen deutlich unter dem Wähleranteil auf nationaler Ebene. Dass sie in den Kantonen zulegt sollte daher nicht überinterpretiert werden.

Insgesamt fehlt der These also eine empirische Fundierung. Dieser Mangel an Belegen hat den Politikbeobachter gestern endgültig eingeholt. Die Partei verliert über dreieinhalb Prozent an Wählerstimmen.

Damit dieser Artikel nicht falsch verstanden wird: Es soll hier nicht darum gehen einem Kollegen ans Bein zu pinkeln. Ich mag Michael Hermann persönlich sehr gut. Sein neues Buch über die schweizerische Konkordanz ist gut recherchiert und ich würde es jedem weiterempfehlen.

Aber in diesem Fall war und bin ich nicht mit ihm einverstanden und halte mich an sein eigenes Credo:

„Wenn es keine Rolle spielt, ob die Einschätzungen von Experten eintreffen oder nicht, dann sind die Anreize falsch gesetzt.“

Nochmals: Dass Hermann wissenschaftliche Ergebnisse kritisiert, finde ich nicht problematisch. Kritik gehört richtigerweise zum Schicksal der meisten akademischen Publikationen. Aber sie zurückzuweisen und durch eine ungeprüfte These zu ersetzten, finde ich problematisch. Dass er heute im Tages-Anzeiger seine These aufrechterhält und meint die Einbindung der SVP in die Regierung sei Grund für die Niederlage der SVP finde ich hingegen tragisch… Nicht nur, weil diese Aussage abermals auf einem subjektiven Gefühl basiert, sondern auch weil sie im scharfen Kontrast zu seinen früheren Bemerkungen steht:

„Die Opposition wurde zwar nach nur einem Jahr mit der Wahl Ueli Maurers in den Bundesrat formell beendet, ihre grosse Wirkung entfaltete sie jedoch erst danach.“