Andrea Hämmerle und die AbWahl

Posted on November 22, 2011 von

0


Kurz vor den Gesamterneuerungwahlen des Bundesrates präsentiert Andrea Hämmerle sein neues Buch die Abwahl. Darin schildert der Alt-Nationalrat die Abläufe welche am 12. Dezember 2007 zur Abwahl Christoph Blochers und zur Einsetzung Eveline Widmer-Schlumpfs geführt haben. Die Stärke von Hämmerles Bericht liegt in der Schilderung des Austausch zwischen den Mitte-Links Parteien und der damaligen Bündner Finanzdirektorin.

Zum Kern des Pudels stösst der geneigte Leser ab Kapitel 5. Hier beschreibt Hämmerle die Entwicklung der Kandidatur Widmer-Schlumpf. Er selbst brachte die damalige Bündner Finanzdirektorin ins Spiel und fungierte später als direkten Kontaktmann zwischen ihr und den Mitte-Links Parteien. Viermal tauschten sich die beiden aus:

Das erste Gespräch zwischen Hämmerle und der Bünderin fand Ende der ersten Sessionswoche, also  kurz vor der Wahl, statt. Nur wenige Personen wissen zu diesem Zeitpunkt über die Vorgänge bescheid. Bei der CVP war erst Ständerat Urs Schwaller im Bilde. Eine frühzeitigen Exposition der Sprengkandidatin muss umbedingt vermieden werden („Das wäre das Ende der Kandidatur gewesen“). Erst am Montag wurde auch Christophe Darbellay eingeweiht.

Am Dienstag vor der Wahl sprach Hämmerle zum zweiten Mal mit Widmer-Schlumpf. „Ich informierte sie über den neusten Stand der Dinge: dass ihr Name (…) einem ganz kleinen Kreis von Eingeweihten bekannt sei, dass aber alles von den Fraktionssitzungen am Nachmittag abhänge, vor allem von der CVP-Fraktion.“

Die CVP-Fraktion beschloss, Christoph Blocher bei den Wahlen nicht zu unterstützen. Weder dort noch in der SP-Fraktionssitzung wurde allerdings über die Namen möglicher Gegenkandidaten diskutuert. Am Abend orientierte Hämmerle gemäss seinen Schilderungen abermals die spätere Bundesrätin über die neusten Entwicklungen.

Am Wahltag hielten alle Fraktionen um 7:00 Uhr eine letzte Sitzung. Erst jetzt gaben die Spitzen der SP, der CVP und der Grünen ihren Mitgliedern den Namen der Sprengkandidatin bekannt. Nach den Fraktionssitzungen informierte Hämmerle Eveline Widmer-Schlumpf ein viertes und letztes Mal: „(…) sie war alles andere als überzeugt, dass der Coup wirklich gelingen konnte“.

In Hinblick auf den viel beachteten DOK-Film (siehe unten) über die Abwahl Blochers sind demnach insbesondere die Aussagen der SP-Fraktionspräsidentin und des CVP-Präsidenten zu relativieren:

Ursula Wyss schmückt ihre Schilderungen, insbesondere jene über die Kontakte zu Widmer-Schlumpf, reichlich aus. Aus Hämmerles Buch kann gefolgert werden, dass Wyss vor der Wahl nie mit der Bündnerin gesprochen hat. Gefragt nach dem mitternächtlichen Telefongespräch zwischen der Bündnerin und dem damaligen SVP-Präsidenten Ueli Maurer antwortete Wyss aber: „Es kann sein, dass ich das gewusst habe“. Tatsächlich wusste Wyss mit grosser Wahrscheinlichkeit nichts über dieses Gespräch. Dennoch, der Schaden war angerichtet. Eine Woche nach der Ausstrahlung des DOK schreibt die Weltwoche „Wyss war besser informiert als Mauerer selbst“.

Auch Christophe Darbellay konnte der Kamera nicht widerstehen und lässt sich zu kühnen Aussagen hinreissen. Er meinte: „Ich hatte eine solide Garantie, dass sie annehmen wird“. In Tat und Wahrheit hatte der CVP-Präsident gemäss Hämmerle nie auch nur die geringste Garantie, dass Widmer-Schlumpf annehmen würde. Später nahm Darbellay diese Aussage denn auch zurück.

Tatsächlich deuten die Schilderungen Hämmerles darauf hin, dass der DOK die eigentlichen Abläufe überzeichnet. Der Filmemacher trägt in diesem Fall aber nur bedingt Schuld daran. Vielmehr waren es die profilierungssüchtigen Nationalräte Wyss und Darbellay, die das Gefühl einer Verschwörung verstärkten.

Auch wenn Hämmerle das Ausmass des Austausches zwischen den Mitte-Links Parteien und Widmer-Schlumpf glaubhaft schildert, so bleibt er in seinen Aussagen teilweise wage. Anders als der Autor selbst, muss sich Widmer-Schlumpf einer Wiederwahl stellen. Und einer solchen, spürt der Leser, will Hämmerle auf keinen Fall schaden.