Technologie schafft Transparenz

Posted on Januar 16, 2012 von

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von Sandro Büchler

Die Kredit- und Medienaffäre um den deutschen Bundespräsidenten Christian Wulff und der Rücktritt des Schweizer Nationalbankpräsidenten Philipp Hildebrand waren bisher die gewichtigsten Themen des jungen Jahres 2012. Den zwei Themen ist eines gemeinsam: Der Ruf nach Transparenz.

Dem deutschen Bundespräsident Christian Wulff schlägt ein rauer Wind entgegen. Seine Weigerung zur Herausgabe von Details seines Finanzierungskredits des Ferienhäuschens in Grossburgwedel und die missglückte Medienarbeit bringen ihn arg in Bedrängnis. Transparenz sieht anders aus. Philipp Hildebrand hat mit seinem letzten Auftritt zumindest das Versprechen der transparenten Offenlegung eingelöst.


(Quelle: handelszeitung.ch)

Woher kommt dieser zunehmende Druck zur Transparenz? Wer nun dazu tendiert, frühere Ministerpräsidenten und Nationalbankchefs als besondere Gutmenschen darzustellen, deren Integrität und Vollkommenheit perfekt zu sein schien, da sie sich von derartigem Ungemach fernhalten konnten, irrt. Denn der Blick in die Vergangenheit verschweigt den Fakt, dass mit den heutigen Mitteln eine gerichtete oder ungerichtete Kampagne gegen ein bestimmtes Ziel wesentlich einfacher geworden ist. Nicht die moralischen Verfehlungen haben zugenommen, sondern die technischen Möglichkeiten der Datenbeschaffung und deren Verbreitung. Verleumdungen, Anfeindungen und Rachefeldzüge sind zum Teil das Produkt der heutigen Technologie. Ein Kontoauszug konnte nicht einfach mit einem Telefon fotografiert werden, Verwischungen von privaten und politischen Belangen waren nur mit sehr viel Detailkenntnissen zu belegen und der Begriff einer Daten-CD war noch gar nicht geboren.

Mit der Evolution der technischen Möglichkeiten wurden auch Begehrlichkeiten – ob ideologischer oder finanzieller Art – laut. Es ist das Zeitalter der Transparenz angebrochen. Über die letzten Jahre hat die Transparenz im privaten, geschäftlichen und im politischen Raum Einzug gehalten. Privat sind wir durch Videoüberwachung, IV-Detektive oder Google transparent geworden wie nie zuvor. Wenn sich dann auch noch private und geschäftliche Intransparenz paaren, wie im Falle von Philipp Hildebrand so darf erst Recht von einem öffentlichen Interesse ausgegangen werden. Auch politisch wird Transparenz gefordert: Das einmalige System der geheimen Parteien- und Wahlkampffinanzierung in der Schweiz zunehmend als Problem erkannt.

Bei einer vom St. Galler Tagblatt organisierten Diskussion im November 2011 zum Thema Geheimnisse und Tabus wurde darüber debattiert inwiefern in der heutigen Zeit Geheimnisse noch Geheimnisse sind. Klar hat ein Arzt sein Arztgeheimnis, das in jedem Fall gilt. Doch wie geht man mit Geheimnissen um, wenn plötzlich die Allgemeinheit und der eigene Profit auf den Schultern hocken? Transparenz ist ein ambivalentes Gut, zu wenig gibt ein ungutes Gefühl, zu viel bringt mitunter erschreckende Tatsachen ans Licht.

Mit Geheimnissen lässt sich seit jeher gut Geld verdienen, in Zeiten der Volatilität von Wechselkursen gewinnen sie gar an Wert. Geheimnisse, ob digital ergaunert oder penibel analog recherchiert, bleiben eine eigene Währung in der Politik. „Die Rache der Journalisten an den Politikern ist das Archiv“, das Zitat des österreichischen Journalisten und Theaterwissenschaftlers Robert Hochner wird Philipp Hildebrand und Bruno Zuppiger noch in den Ohren liegen. Wie lange es dauern mag, bis Christian Wulff oder Christoph Blocher die gleiche Erfahrung machen?

Korrigenda: In der Debatte um Transparenz lässt sich die Situation von Einzelpersonen nicht mit den finanzpolitischen Verhandlungen zweier Länder vergleichen. Der Autor kommt dieser berechtigten Kritik nach und hat den Artikel dahingehend angepasst.

Über den Autor: Sandro Büchler studiert Politikwissenschaften und Geographie im Master an der Universität Zürich.