„Ich wusste eine ganze Schar von Betern hinter mir“

Posted on Januar 19, 2012 von

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… sagt der neugewählte Nationalrat Philipp Hadorn im Interview mit jesus.ch. Hinter seiner Wahl sieht Hadorn „Gottes Führung“ und die Bibel dient ihm als Richtschnur „beim Versuch, Sachfragen richtig zu beurteilen“. Gott begleitet Hadorn schon länger, seit 1995 ist er Mitglied der SP.

Dieses Interview provozierte heftige Reaktionen. Ein jungfreisinniger Kollege meinte resigniert: „gegen Gott ist halt selbst der Freisinn chancenlos“. Einige hielten Hadorns Glaubensbekenntnisse als „nicht mit der Demokratie vereinbar“. Andere verteidigten Hadorn und wiesen darauf hin, dass gerade in der SP Toleranz für „Nuancen“ bestehe.

Uns regte die Diskussion an, die Parteipräferenzen verschiedener Glaubensrichtungen zu untersuchen. Das Resultat ist in den vier unterstehenden Grafiken visualisiert. Alle Ergebnisse basieren auf den Selects-Daten und sind nach Kanton, Parteiwahl und Wahlbeteiligung gewichtet. Fünf Glaubenskategorien wurden unterschieden: passive Protestanten/innen, aktive Protestanten/innen, passive Katholiken/innen, aktive Katholiken/innen und Konfessionslose. Als aktiv gelten Personen, welche mehrmals pro Jahr einem Gottesdienst beiwohnen. Um festzustellen, welche Gruppen über- resp. unterdurchschnittlich für eine bestimmte Partei wählen, wurden die Wähleranteile der Glaubensrichtungen vom gesamten Wähleranteil der Partei abgezogen. Ein Beispiel: Im Jahr 2007 erreicht die SVP bei den passiven Protestanten einen Wert von 11 Prozent. Der Wähleranteil der SVP liegt bei dieser Gruppe also 11 Prozentpunkte über dem gesamten Wähleranteil der Partei (29 Prozent). Es wählten folglich 40 Prozent aller passiven Protestanten die SVP. Werte oberhalb der schwarzen Linie bedeuten also, dass die jeweilige Gruppe eine Partei überdurchschnittlich oft gewählt hat. Werte unterhalb der Linie zeigen, dass eine Partei unterdurchschnittlich oft gewählt wird. Verlinkt wurden auch die Grafiken mit den Wähleranteilen aufgeteilt nach Glaubensrichtung.

Grafik: Gariup und Lanz (2012)

Passive Protestanten wählen stark unterdurchschnittlich CVP. Erstmals wählt diese Gruppe 2007  auch leicht unterdurchschnittlich SP. Die SVP wird hingegen nicht nur oft gewählt, die Partei konnte seit 1995 sogar überdurchschnittlich zulegen. Die SVP gewinnt also bei den passiven Protestanten noch stärker an Wähleranteilen als in der gesamten Schweizer Bevölkerung. Dies zeigt insbesondere auch die Grafik der Wähleranteile. Während 1999 nur etwas mehr als 15 Prozent der passiven Protestanten SVP wählten, waren es 2007 bereits 40 Prozent.

Grafik: Gariup und Lanz (2012)

Anders sieht das Bild bei den praktizierenden Protestanten aus. 2007 wählt diese Gruppe nur noch leicht überdurchschnittlich SVP. Auch die FDP wird überdurchschnittlich gewählt. Die SP bewegt sich nah an der Referenzlinie. Damit sind die aktiven Protestanten ein Gratmesser für die allgemeine Lage der Partei. Verlieren die Sozialdemokraten bei nationalen Wahlen, verlieren sie etwa gleich stark bei den praktizierenden Protestanten. In diese Kategorie fällt übrigens auch Philipp Hadorn. Sicher leben nicht alle Personen dieser Gruppe ihren Glauben derart aktiv aus. Zu sagen, dass sich SP-Wählen und aktives Praktizieren des protestantischen Glaubens ausschliessen, wäre allerdings falsch. Unterdurchschnittlich oft wählen aktive Protestanten die CVP (zur Grafik der Wähleranteile).

Grafik: Gariup und Lanz (2012)

Die passiven Katholiken bevorzugen keine der vier grossen Parteien stark über- oder unterdurchschnittlich. Erstaunlich ist dies sicherlich in Bezug auf die CVP (zur Grafik der Wähleranteile). Ganz anders gestaltet sich die Situation bei den aktiven Katholiken.

Grafik: Gariup und Lanz (2012)

Hier wird die CVP massiv überdurchschnittlich gewählt. 2007 lag ihr Wähleranteil 23 Prozentpunkte über dem gesamtschweizerischen Wähleranteil. Die Grafik der Wähleranteile zeigt, dass die CVP damit von 37 Prozent der praktizierenden Katholiken gewählt wurde. Unterdurchschnittlich beliebt ist hingegen die SP. Ihr Wähleranteil lag in den letzten vier nationalen Wahlen zwischen 5 und 10 Prozentpunkte unter ihrem gesamten Wähleranteil.

Grafik: Gariup und Lanz (2012)

Nun zu den Konfessionslosen Wählenden. Vielen von ihnen bietet die SP eine politische Heimat. Unterdurchschnittlich oft wählen sie hingegen die CVP, SVP und FDP. Damit zeigt sich auch, dass die FDP keine Partei der Konfessionslosen ist. Überdurchschnittlich oft wird sie von Protestanten (aktiv und passiv) und von passiven Katholiken gewählt. Weniger oft erhalten die Freisinnigen aber Stimmen von  aktiven Katholikinnen und Konfessionslosen (zur Grafik der Wähleranteile).

Wie könnte man diese Resultate zusammenfassen? Drei Aspekte fallen besonders auf: (i) Die CVP vermag de Graben zwischen den Konfessionen nicht zu überschreiten. Protestanten schenken ihr nur selten das Vertrauen. Die CVP ist somit eine Partei der praktizierenden Katholiken. (ii) Die SVP legte bei den passiven Protestanten überdurchschnittlich zu. Damit zeigt sich das religiöse Erbe als Gegenspieler der Katholisch-Konservativen Partei interessanterweise nicht bei den praktizierenden, sondern eben bei den passiven Protestanten. (iii) Insbesondere die SP und die FDP sind für alle Glaubensgruppen wählbar. Aber auch für die SVP gilt, dass die religiöse Heimat der Wähler nur noch eine untergeordnete Rolle spielt.