Ferieninitiative: Pro und Contra

Posted on Februar 22, 2012 von

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Am 11. März stimmt das Schweizer Stimmvolk neben vier anderen Vorlagen über die Volksinitiative „6 Wochen Ferien für alle“  ab. Diese will, dass alle Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer einen Anspruch auf mindestens sechs Wochen bezahlte Ferien pro Jahr erhalten.

Jede Arbeitnehmerin und jeder Arbeitnehmer hat heute in der Schweiz von Gesetzes wegen mindestens vier Wochen Ferien pro Jahr zugute. Wer noch nicht 20 Jahre alt ist, hat Anspruch auf fünf Ferienwochen. In vielen Arbeitsverträgen sind jedoch mehr Ferien vereinbart. Die Initiative verlangt, dass alle Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer jährlich mindestens sechs Wochen bezahlte Ferien erhalten. Sie will auf diese Weise Produktivitätsfortschritte der Schweizer Wirtschaft an die Arbeitnehmenden weitergeben. Gemäss Initiativkomitee dienen mehr Ferien der Gesundheit der Arbeitnehmenden, bringen mehr Lebensqualität und tragen zur besseren Vereinbarkeit von Beruf und Familie bei.

Polithink hat bei den beiden frischgewählten Nationalräten Jean Christophe Schwaab (SP/VD) und Martin Candinas (CVP/GR) nachgefragt, warum sie die Initiative befürworten oder ablehnen.

Jean Christophe Schwaab ist in Riex (Bourg-en-Lavaux VD) aufgewachen und heute wohnaft. Der studierte Jurist (Uni Bern) ist verheiratet und Vater von einem Buben. 2011 wurde er für die SP in den Nationalrat und Gemeinderat (Legislative) gewählt. 2007-2011 war er Kantonsrat im Kt. Waadt. Beruflich ist er im Schweizer Gewerkschaftsbund (SGB) zuständig für Arbeitsrecht, Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz.

Polithink: Die Arbeitswelt wird immer hektischer, die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer zunehmend gestresst. Sind mehr Ferien das richtige Mittel gegen die zunehmende Stressbelastung am Arbeitsplatz? Wenn nicht, welche alternativen Massnahmen können dem Problem besser entgegenwirken?

Jean Christophe Schwaab: Der Stress am Arbeitsplatz nimmt leider drastisch zu. Es gibt mehr gestresste ArbeitnehmerInnen, mehr ArbeitnehmerInnen, welche Doping-Substanzen nehmen und mehr ArbeitnehmerInnen, welche zugeben, mit ihrem Stress nicht zu Recht zu kommen. Das kostet gemäss Seco unsere Wirtschaft ca. 10 Milliarden CHF pro Jahr. Mehr Freizeit und Ferien sind ein gutes Mittel, um den Stress zu bekämpfen und die Gesundheit am Arbeitsplatz zu fördern. Das ist medizinisch belegt.

Martin Candinas: Die Arbeit muss am Ende getan werden. Wenn mehr Ferien bezogen werden, wird die effektive Belastung am Arbeitsplatz während der regulären Arbeitszeit eher noch zunehmen. Generell gilt, die Belastung ist sehr branchenabhängig. Die Bauwirtschaft kann beispielsweise nicht einfach mit der Verwaltung verglichen werden. Für mich sind deswegen branchenspezifische Lösungen zu bevorzugen. Zudem soll mehr Teilzeit und Jobsharing, sowie mehr Telearbeit und allgemein flexiblere Arbeitszeitmodelle angeboten werden.

Polithink: Seit 25 Jahren beträgt der gesetzliche Ferienanspruch  gemäss Obligationenrecht vier Wochen. Je nach Gesamtarbeitsvertrag oder Personalregelung stehen jedoch vielen Arbeitnehmenden fünf, sechs oder mehr Ferienwochen zur Verfügung. Was spricht für, bzw. gegen eine neue gesetzliche Regelung? Hat sich dieser flexible Weg nicht bewährt?

Martin Candinas ist Mitglied der CVP und ist seit 2011 Nationalrat für den Kanton Graubünden. Candinas hat zusätzlich ein Teilzeitpensum als Verkaufsleiter bei einer Krankenversicherung. Der 31jährige ist verheiratet und Vater eines Sohnes und ist mit seiner Familie in Rabius und Chur wohnhaft.

J.C.S.: JedeR zweite ArbeitnehmerIn hat keinen Gesamtarbeitsvertrag (GAV). Zudem gibt es GAV, welche keine zusätzliche Urlaubstage gewähren. Einige GAV gewähren nur 1 bis 2 zusätzliche Tage. Andere sehen nur für Lehrlinge oder ältere ArbeitnehmerInnen mehr Ferien vor. „Sozialpartnerschaft“ allein kann  also leider bei weitem nicht allen genug Erholungszeit  gewährleisten.

M.C.: Der flexible Weg hat sich mehr als bewährt. Es gibt denn auch keinen Grund an diesem etwas zu ändern. Zudem besteht ein bedeutender Wettbewerb um gute Mitarbeiter. Firmen müssen ihre Mitarbeiter auch durch attraktive Arbeitsbedingungen gewinnen und an sich binden. Der Eigeninitiative der Unternehmen sollte nicht mit zu pauschalen Regulierungen wie der vorliegenden Initiative begegnet werden.

Polithink: Der Kampagnenslogan des Gegenerkomitees lautet „Mehr Ferien = Weniger Jobs“. Kann sich die Schweizer Wirtschaft keine sechste Ferienwoche leisten?

M.C.:  Mehr Ferien heisst mehr Kosten bei geringerer Produktivität für die Unternehmen. Vor allem kleine und mittlere Unternehmen können sich keine weiteren Kosten, der KMU-Verband spricht von mehreren Milliarden, leisten. Durch die angespannte Wirtschaftslage, vor allem in Zusammenhang mit dem starken Franken, besteht bereits heute in vielen Branchen ein massiver Druck die Kosten zu senken. Die Initiative kommt auch deswegen zur Unzeit. Die Schweiz hat zudem bereits heute eines der höchsten Lohnniveaus weltweit. Dies können wir durch die hohe Arbeitsproduktivität rechtfertigen. Bei einer Annahme der Initiative würde die Attraktivität des Standort Schweiz also sicher geschwächt. Kommt hinzu, dass sich auch der Fachkräftemangel weiter akzentuieren würde.

J.C.S.: Sie kann es sich ganz klar leisten. Wer behauptet „Mehr Ferien = weniger Jobs“, hat einfach keine Ahnung von der Volks- und Betriebswirtschaft. Zum ersten hat  die Annahme der Ferieninitiative einen Zuwachs der Lohnsumme von nur 0,4% pro Jahr zur Folge. In den letzten Jahren ist zudem die Arbeitsproduktivität fünf Mal mehr gewachsen als die Löhne. Schliesslich leisten die ArbeitsnehmerInnen in der Schweiz pro Jahr in einem Ausmass Überstunden, das 100‘000 Vollzeitstellen entspricht.. Für eine moderate und vernünftige Senkung der Arbeitszeit gibt es also genug Spielraum, ohne dass Jobs gefährdet werden. Die ArbeitnehmerInnen schuften sehr hart: Sie sollen dafür endlich belohnt werden!

Polithink an Candinas:  Die Initiative schlägt eine Übergangsregelung vor, welche im ersten Jahr nach der Annahme der Vorlage vorerst einen Ferienanspruch von fünf Wochen vorsieht. In den darauf folgenden Jahren würde der Anspruch jährlich um einen Tag ansteigen. Im Übrigen bestimmt weiterhin der Arbeitgeber wann Ferientage bezogen werden können. Sie befürchten dennoch Umsetzungsschwierigkeiten für die Betriebe?

M.C.:  Es wird Umsetzungsschwierigkeiten geben. Ganz einfach deswegen, weil sich in erster Linie die KMU so lange wie möglich dagegen wehren werden den Personalbestand wegen den zusätzlichen Ferien aufzustocken. Die dadurch verursachte Mehrbelastung wird nicht spurlos an den betroffenen Unternehmen vorbeigehen. Die Übergangsregelung zeigt zudem die Unehrlichkeit der Initianten. Offenbar ist man sich sehr wohl bewusst, dass die Initiative zu massiven Mehrkosten führt, will dieses abschreckende Argument aber durch lange Übergangsfristen so weit wie möglich aus der Diskussion heraushalten.

Polithink an Schwaab: Hört man sich die Argumente der Initiativgegner an, so scheint die Ferieninitiative anstelle eines Ausgleichs zum Arbeitsstress eher zusätzlichen Stress verursachen, nämlich durch längere Stellvertretungszeiten oder höherer Arbeitslast, welche durch die erhöhte Ferienwochenzahl verursacht würde. Dies kann ja nicht im Sinne der Gewerkschaften sein. Wie kann gewährleistet werden, dass ein solches Szenario nicht eintrifft?

J.C.S.: 1984 wurde der gesetzliche Ferienanspruch auf einem Schlag verdoppelt, ohne dass es mehr Stress bei den Beschäftigten oder eine höhere Arbeitslosigkeit verursacht hat. Die Erfahrung zeigt also, dass diese Befürchtungen sich nicht bewahrheiten. Unabhängig von der Frage der Ferien braucht es aber weitere Massnahmen gegen den Stress am Arbeitsplatz: Reduktion der Überstunden durch Schaffung neuer Stellen, mehr Teilzeit-Jobs, bessere Vereinbarkeit Familie-Beruf, mehr Mitbestimmungsrechte für die ArbeitnehmerInnen.