Keine Frauensache

Posted on März 3, 2013 von

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Denkanstösse für eine sinnvolle Debatte über die zukünftige Familienpolitik

von Alexandra Feddersen

Nach dem heutigen nein zum Familienartikel sind all jene enttäuscht, die der Meinung sind, dass sich Kinderglück und beruflicher Erfolg nicht gegenseitig auszuschliessen brauchen – und zwar für beide Geschlechter. Zur Ernüchterung über das Wahlresultat mischt sich zudem eine gewisse Frustration über den Verlauf der Debatte um den gescheiterten Verfassungsartikel.

Der Familienartikel sollte eigentlich die Vereinbarkeit von Beruf und Familie als Grundsatz in der Bundesverfassung verankern. Doch die Debatte kreiste vor allem um die zweite Hälfte des zweiten Absatzes, in die sie sich irgendwann – spätestens nach dem schweizweiten Geheule der Staatskinder und der „Arena“ von Anfang Februar – festgebissen hatte: das „bedarfsgerechte Angebot an familien- und schulergänzenden Tagesstrukturen“.[1]

Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie wurde in den zahlreichen Diskussionen und Beiträgen fortan de facto als Entlastung des Hauptbetreuers oder eben der Hauptbetreuerin der Kinder verstanden. Obwohl immer noch korrekt geschlechterneutral von „Eltern“ gesprochen wurde, rückten die Mütter implizit ins Zentrum der Debatte, während die Väter in den Hintergrund verschwanden. So jammerte Weltwoche-Redaktor Roger Köppel von seinem „Exil“ im Kinderhort und kam zum Schluss, „dass Kinder, vor allem, wenn sie klein sind, am liebsten bei den Müttern wären“.[2] Auch der Bundesrat räumte ein, dass insbesondere Frauen von den Betreuungsplätzen profitieren würden, und dass der Familienartikel zur Erwerbstätigkeit der Mütter beitragen würde. Und Ruedi Noser (FDP) war darüber besorgt, dass sich gut ausgebildete Mütter heute zu lange vom Arbeitsmarkt fernhalten.[3] Ob für oder gegen Familienartikel, alle schienen sich zumindest in diesem Punkt einig zu sein: Kinder zu kriegen, sie zu umsorgen und das Ganze mit einem Beruf unter einen Hut zu bringen ist vorwiegend Frauensache.

Zwar stimmt es, dass Frauen in der Schweiz in ihren Berufsentscheidungen immer noch stärker von ihrer Familiensituation beeinflusst werden als Männer.[4] Dass aber auch Männer von der Vereinbarkeit von Beruf und Familie betroffen sein könnten, wurde fast nicht erwähnt. Ausser vielleicht von Markus Theunert, Präsident von Männer.ch, der in der Westschweizer Zeitung Le Matin bedauerte, dass in der Debatte um den Familienartikel so fest auf den Betreuungsplätzen und der Frauenförderung beharrt wurde.[5] Eine Familienpolitik – so Theunert – sollte auch die Väter mobilisieren, die sich im Familienleben und in der Kinderbetreuung engagieren… oder engagieren wollen.

Die Debatte um den Familienartikel kürte also die Familie nach 30 Jahren Gleichstellungsartikel in der Bundesverfassung wieder einmal zur Frauensache. Die gespaltene Haltung der FDP-Männer und -Frauen zum Thema ist ein emblematisches Beispiel dafür.

Die Väter sollten bei einer solchen Grundsatzdiskussion aber auf keinen Fall auf der Ersatzbank sitzen gelassen werden. Einerseits sollten Väter, die sich heute trotz institutionellen Schikanen (man denke z.B. an den fehlenden Vaterschaftsurlaub) ganz oder teilweise um ihre Kinder kümmern, nicht weniger Beachtung erhalten als Mütter, die das gleiche tun. Andererseits sollte sich die zukünftige Debatte um die Familienpolitik unbedingt von den heutigen heteronormen und sexistischen Prämissen distanzieren und sich mit Anliegen auseinandersetzen, die sowohl Mütter wie auch Väter betreffen. Denn institutionelle Massnahmen – wie der Mutterschaftsurlaub – , welche die Familie zur Frauensache besiegeln, bewirken nicht nur den Ausschluss der Männer aus diesem Gebiet, sondern auch die Verankerung der Mutter als Hauptbetreuerin der Kinder in der Familie und die damit verbundene Benachteiligung der Frauen auf dem Arbeitsmarkt.[6]

Lasst uns darum nebst den familien- und schulergänzenden Betreuungsplätzen in Zukunft bitte auch über eine Änderung der heutigen Schulstruktur,[7] den Elternurlaub, die Teilzeitarbeit für beide Geschlechter, das geteilte Sorgerecht bei der Scheidung und bessere Rechte für unverheiratete Väter und homosexuelle Mütter und Väter reden. Und natürlich auch eine Totalrevision der sogenannten Gleichstellungspolitik ins Auge fassen. Doch das ist eine andere Geschichte.

Zur Autorin: Alexandra Feddersen hat an der Universität Genf Politikwissenschaft studiert und arbeitet dort als Assistentin am Institut für Politikwissenschaften. Sie twittert ausserdem unter @feddersena.


[1] Erläuterungen des Bundesrates zur Volksabstimmung vom 3. März 2013 (Abstimmungsbüchlein)