Die FDP und die Frauen

Posted on März 11, 2013 von

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Die Sonntagspresse berichtete gestern von einem eskalierenden Streit zwischen der FDP Schweiz und den FDP-Frauen. Ursprung des Konflikts sind gemäss der Zeitung Der Sonntag unterschiedliche Ansichten zur Familien- und Geschlechterpolitik. Eine Analyse zeigt, dass sich der „Kampf der Geschlechter“ auf die Parteiführung beschränkt. Die Positionen der FDP-Wählerinnen unterscheiden sich jedenfalls nur geringfügig von jenen der FDP-Wähler – insbesondere bei der Familienpolitik.

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Die Grafiken zeigen fünf Positionen der FDP-Wähler (links) im Vergleich mit den FDP-Wählerinnen (rechts). Die Analyse wurde anhand der Schweizer Wahlstudien 2011 durchgeführt und beinhaltet 508 FDP-Wähler und FDP-Wählerinnen. Klar unterschiedliche Positionen lassen sich bei zwei Themen ausmachen: Erstens sind Frauen deutlich stärker für das Festsetzen von Mindestlöhnen. Beinahe vier von fünf FDP-Frauen befürworten dieses Mittel (stark oder eher stark) um den Mindestlebensstandard zu sichern. Nur etwas mehr als jeder zweite FDP-Mann ist derselben Meinung. Zweitens sind Frauen deutlich stärker für die Neuverhandlung der Personenfreizügigkeit um die Einwanderung zu begrenzen. Nur 20 Prozent der Frauen sind stark gegen oder eher gegen Neuverhandlungen. Bei den Männern sind es doppelt so viele. Mittlere Differenzen gibt es bezüglich Automaussteig. FDP-Frauen befürworten diesen zwar stärker als FDP-Männer, die generelle Stossrichtung ist jedoch in beiden Lagern unumstritten. Einigkeit besteht bei den übrigen Themenbereichen: Die gesamte FDP Wählerschaft ist stark für das Abbauen der Bürokratie und die steuerliche Entlastung von Familien. Zumindest in diesem Bereich der Familienpolitik ist auf Wählerebene kein Geschlechtergraben zu finden.

Zugegebenermassen sind dies sehr spezifische Politikbereiche. Insbesondere bei der Familien-und Geschlechterpolitik stösst die Analyse aufgrund der Datenlage an Grenzen. In einem letzten Schritt habe ich ideologische Positionierungen verglichen. Diese Grafik zeigt, wie sich FDP-Wähler und FDP-Wählerinnen auf der Links-Rechts-Achse positionieren und wo sie die Partei positionieren würden. Wenn der Konflikt zwischen den FDP-Frauen und der Mutterpartei auch auf Wählerinnenebene gespürt wird, müssten sich die FDP-Frauen weiter entfernt von ihrer Partei positionieren, als die FDP-Männer. Die Grafik zeigt, dass sich beide Geschlechter linker Positionieren als ihre Partei. Im Durchschnitt empfinden Frauen die Partei um 0.6 Punkte rechter als ihre eigene Position (auf einer Skala von 0 bis 10). Die Männer positionieren sich selber 0.3 Punkte weiter links als die FDP. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass FDP-Frauen von weiter rechts stehenden Männern umgeben in einer weiter rechts stehenden Partei politisieren. Im Gesamtbild sind diese Unterschiede jedoch nicht sehr gross.

Diese Befunde sollten nicht überbewertet werden. Dennoch gilt es festzuhalten, dass die Positionen der FDP-Wählerinnen beim Mindestlohn und bei der Personenfreizügigkeit relativ stark von den Positionen der Männern abweichen. Ein Grund für die Geschlechterunterschiede könnte der Eintritt der Frauen in die Arbeitswelt sein. Frauen üben öfter soziale Berufe oder Tätigkeiten im öffentlichen Sektor aus. Entsprechend ist ihre Einstellung gegenüber dem Wohlfahrtsstaat positiver. Ferner sind Frauen auch stärker vom Wohlfahrtsstaat abhängig um etwa Beruf und Familie zu vereinbaren. Dies mag die linkere Selbsteinschätzung oder etwa die Einstellung zu den Mindestlöhnen ansatzweise erklären (mehr dazu in diesem Polithink-Artikel).

Gerade aber bei der Familienpolitik oder beim zum Kernthema erklärten Bürokratieabbau stehen alle FDP-Wähler und FDP-Wählerinnen stramm in einer Linie hinter der Partei. Der Geschlechtergraben ist bei der FDP nicht ausgeprägter als bei den anderen Parteien. Aus dieser Hinsicht muss sich die Parteileitung die Frage stellen, ob sich sich der Kampf mit den Frauen überhaupt lohnt. Wahrscheinlich macht Claudine Esseiva nur, was Christa Markwalder schon lange tut: Sie äussert pointiert und engagiert ihre Meinung. Bei einem ausgewählten Politikbereich tut sie dies abseits der Parteilinie. Dass Exponenten der Mutterpartei bei Auftritten Markwalders ihre Hände zu Fäuste ballen, ist bekannt. Sie sollten sich nicht nur aus gesundheitlichen Gründen etwas beruhigen: Der Imageschaden welcher dieser interne Zwist verursacht, dürfte einiges grösser sein, als zehn Esseivas und Markwalders zusammen.

Posted in: Parties, Policies