Bombenstimmung in Nordkorea

Posted on April 15, 2013 von

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von Alain Bühlmann

Seit etwas mehr als einem Jahr lebe und studiere ich in Seoul, Südkoreas Hauptstadt, und verfolge die momentane Lage auf der Halbinsel täglich. Interessanterweise bin ich für einmal relativ direkt mit einer Krisensituation konfrontiert und lese die unterschiedlichsten Berichterstattungen dazu.  Dabei entstand bei mir der Eindruck, dass Schweizer Medien die hiesige Situation fast ausschliesslich aus westlicher Perspektive beleuchten. Obschon nachvollziehbar, blendet diese Art von Nachrichten einige sehr wichtige Punkte aus, welche aus meiner Sicht für das Verständnis der Situation entscheidend sind. Dieser Beitrag soll die nordkoreanische Perspektive mit ins Spiel bringen und sich daraus ergebende Chancen und Risiken aufzeigen.

„Der ist doch einfach nur verrückt!“

Aussage wie diese hör ich beinahe jedes Mal wenn sich Verwandte und Freunde bei mir erkunden ob ich meine Koffer schon gepackt hätte. Doch ist es wirklich so einfach? Hat Kim Jong Un einfach „nicht mehr alle Tassen im Schrank“ oder steckt da vielleicht mehr dahinter? Um das herauszufinden, müssen wir versuchen seinen Hut aufzusetzen und die Welt durch seine Brille zu betrachten – nicht um seine Handlungen zu rechtfertigen, sondern um sie zu verstehen.

Um zu nachvollziehen was Kim tut, müssen wir zuerst einmal wissen was er denn eigentlich will. Neben ideologischen Beweggründen ist anzunehmen, dass den Jungdiktator in der momentanen Situation vor allem drei Motive antreiben: Erstens, direkte Gespräche mit den USA und Südkorea und internationale Anerkennung als Atommacht. Zweitens, Konzessionen in Form von Geld, Nahrungsmittel und Aufhebung von Sanktionen und drittens, eine Stärkung seiner innenpolitischen Position. Die ersten beiden Motive kennt man von Nordkorea. Durch gezielte Provokationen hat sich das kommunistische Land in der Vergangenheit oft Zugeständnisse verschaffen können. Nummer drei jedoch ist neu. Als sein Vater Kim Jong Il im Dezember 2011 das Zeitliche gesegnet hat, wurde der vermutlich 30-jährige an die Spitze eines riesigen Staatsapparates gehievt, in welchem das Militär und seine altgedienten, gut vernetzten Generäle enormen Einfluss besitzen. Sprössling der Herrscherdynastie zu sein ist bei weitem keine Garantie für Kim, nicht von seinen eigenen Leuten abgesetzt zu werden. Aus diesem Grund ist es entscheidend für ihn, nicht als Schwächling dazustehen und seinen Machtanspruch innenpolitisch zu festigen, indem er gegen aussen den starken Mann spielt. Doch hat er dieses Spiel zu weit getrieben?

Provozieren will gelernt sein

Provokation ist eine Kunst, so verkehrt das auch klingen mag. Es gilt, Eskalation und De-eskalation im richtigen Mass und zur richtigen Zeit gezielt einzusetzen um sein Ziel zu erreichen. Provoziert man zu wenig wird man nicht ernst genommen, geht man zu weit besteht das Risiko, dass es kein Zurück gibt ohne das Gesicht zu verlieren. Die Geschichtsbücher sind voll mit einschlägigen Beispielen. Genau dies scheint momentan jedoch zu passieren. Kim’s Vater galt als Meister dieses Spiels doch er selber ist darin absolut unerfahren und es scheint, als hätte er es zu weit getrieben. Er droht den USA und Südkorea mit einem Atomkrieg, schliesst den für seine Devisenreserven enorm wichtigen Industriekomplex Kaesong und geht in vieler Hinsicht weiter als sein alter Herr das je getan hat. Hinzu kommt, dass diesmal sogar der Verbündete China unüblich scharfe Worte für Nordkoreas Provokationen findet.

Es stellt sich die Frage, welche Karten Kim Jong Un in der Hand hält und mit welchen Konsequenzen deren Spiel verbunden ist. Option Eins ist es, sämtliche Drohungen wahr zu machen und die USA und/oder Südkorea anzugreifen. Damit würde Kim zu Hause bestimmt nicht als Schwächling dastehen. Er und sein Militärstab wissen dass sie in der Lage sind, Südkorea und den hier stationierten knapp 30‘000 amerikanischen Soldaten erheblichen Schaden zuzufügen. Sie wissen aber auch, dass sie einen ausgewachsenen Krieg nur verlieren können. Die zweite Option ist, dass die USA und Südkorea einlenken und den Forderungen des Nordens nachgeben. Angesichts der entschlossenen Haltung der neu gewählten Südkoreanischen Präsidentin Park Geun-hye, Provokationen seitens des nördlichen Nachbarn nicht mehr nachzugeben und dem konsequenten Ignorieren Kims durch das Weisse Haus, scheint dies unwahrscheinlich. Die letzte Karte wäre schliesslich, dass Kim einseitig de-eskaliert, das heisst, dass er die Drohungen zurückfährt und die freiwerdende Zeit wieder der Betrachtung der unterschiedlichsten Dinge widmet, während jemand eifrig seine wertvollen Kommentare dazu in einem Notizbuch festhält. Dies würde seinen Platz an der Spitze des Regimes jedoch erheblich schwächen und einen innenpolitischen Gesichts- und Machtverlust unvermeidlich machen.

Das Resultat dieser Mini-Analyse ist simpel: Option Eins ist eindeutiger politischer Selbstmord, Option Zwei äusserst unwahrscheinlich und Option Drei zumindest versuchter, innenpolitischer Selbstmord. Folglich ist Kim momentan in einer Lage, über die er keine wirkliche Kontrolle hat und die er faktisch nur verlieren kann. Und genau das macht die heutige Situation meiner Ansicht nach gefährlicher als ähnliche Provokationen in der Vergangenheit. Das Verhalten von jemandem der in die Ecke gedrängt ist, ist schwer zu antizipieren. Auch wenn sich der Betroffene selber in diese Lage gebracht hat.

Das schreiende Kind an der Migros- Kasse

Wer kennt es nicht? Man will nur schnell mal was einkaufen und schon ist’s passiert. Man steht in einer scheinbar endlosen Schlange vor der Kasse und als wäre das nicht schon genug, beginnt auch noch das Kind vor einem zu quengeln, weil es einen der prominent ausgestellten Lutscher will. Selbstverständlich wissen wir alle, dass es erzieherisch das Beste wäre das Kind zu ignorieren, beziehungsweise ihm klar zu machen dass es mit den Stämpfeleien nichts erreicht. Es soll ja schliesslich nicht zur Gewohnheit werden. Doch seien wir einmal ehrlich; wünschen wir uns in dem Moment nicht alle das Kind bekäme was es will worauf es uns kollektiv besser ginge? Der Vergleich mag lachhaft klingen, hat jedoch etwas für sich. Kim Jong Un ging in seinen Provokationen zu weit und das weiss er vermutlich auch. Er ist in einer Situation die er nicht gewinnen kann und es gibt kein zurück. Es geht hier nicht mehr nur um Kopfschmerzen, welche man allenfalls noch hinnehmen kann, sondern um potentiell fatale Kriegsfolgen. Aus diesem Grund sehe ich die einzige Option darin, Kim Jong Un Zugeständnisse zu machen, welche er innenpolitisch als Sieg verkaufen kann. Vermutlich wäre er schon bereit kleine Konzessionen zu akzeptieren um sich dadurch die Option zur De-eskalation zu schaffen.  Die Situation könnte sich erheblich entspannen und ja, ein Präzedenzfall würde man damit schaffen – das Kind lernt, dass quengeln nützt.

Zum Autor: Geboren und aufgewachsen im Kanton Zug. 2007-2010 Bachelorstudium in Politikwissenschaften und Öffentlichem Recht an der Universität Zürich. 2011 bis heute Doppelmaster in International Affairs and Governance an der Universität St. Gallen und International Trade, Finance and Management an der Yonsei Universität in Seoul, Südkorea.