Frauensektionen: Funkenzünder der Partei oder Abstellkammer für Frauenfragen?

Posted on Mai 28, 2013 von

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Letzten Samstag fand in Lausanne die jährliche Generalversammlung der FDP-Frauen statt. Vor einem Jahr noch versicherte Carmen Walker Späh, Präsidentin der FDP-Frauen, dass „[…] die neue Kraft in der FDP bei uns Frauen liegt! […] unsere Themen sind aktuell. […] Unser Funke darf ruhig auch die ganze Partei zum glühen bringen!“[1] Dieses Jahr jedoch schien das Feuer der FDP-Frauen fast erloschen, fragte sich die Frauenorganisation doch, ob es sie noch brauche.

Für die NZZ[2] sind diese Selbstzweifel nach der parteiinternen Niederlage um den Familienartikel naheliegend. Bei den letzten Abstimmungen schaffte es der Funke der FDP-Frauen nämlich nicht so ganz bis zur Mutter – oder eben Vaterpartei. Diese stemmte sich anfangs dieses Jahres gegen den Familienartikel und gegen die eigene Frauensektion, was in der Presse eine Debatte über den parteiinternen „Kampf der Geschlechter“ auslöste[3].

Claudine Esseiva, Generalsekretärin der FDP-Frauen, bestreitet allerdings in einem Interview des westschweizer Radio[4], dass das Bestehen der Frauenorganisation aufgrund von Unstimmigkeit mit den Männern in Frage gestellt wurde. Vielmehr müssten heutige gesellschaftliche Fragen gemeinsam angegangen, besprochen und gelöst werden.

Spannender jedoch als die Spekulationen über den genauen Grund für die Infragestellung der FDP-Frauen, ist die Debatte über das Vorhandensein dieser parteiinternen Frauenorganisationen. In der Schweiz haben die grössten im Nationalrat vertretenen Parteien Frauensektionen, deren Türen – mit Ausnahme der FDP-Frauen – den Männern verschlossen bleiben. Die Frage nach dem Sinn solcher Frauenclubs in den Parteien ist heute aktueller den je. Werden Beschlüsse, die in den Frauensektionen gefällt werden, vom Rest der Partei überhaupt ernst genommen? Sind sie etwa, wie der Journalist Philippe Revaz in seinem Interview Claudine Esseiva fragt, lediglich „beratende (Abstell-)kammern“[5]? Welche effektive Macht haben Frauensektionen innerhalb der Partei, welche finanziellen Mittel? Macht es Sinn, dass Frauen gewisse Themen zuerst untereinander diskutieren, ohne die Männer mitreden zu lassen? Gibt es also „Frauenthemen“, über die Frauen besser Bescheid wissen als Männer? Machen Frauen in der Politik „Frauenpolitik“?

Die Fachliteratur gibt uns nur sehr wenig Aufklärung zur Funktion von parteiinternen Frauenorganisationen. Gewisse Forscher sehen Frauensektionen in den Parteien als eine institutionalisierte Möglichkeit für die Stärkung der Gruppenidentität und die Formulierung von gezielten geschlechter-spezifischen Forderungen – Frauen für Frauen also. Solche Organisationen werden demnach auch „quasi-women’s policy agencies“ genannt.

Andere Fachleute betrachten Frauensektionen als eine Art Pseudo-Aktion für Geschlechtergerechtigkeit. Sie bemängeln die „Ghettoisierung“ der Frauen und ihr Fernhalten von der eigentlichen Parteipolitik und den wichtigen „big P“ Kernthemen. Frauen sollen sich demnach um das „political housekeeping“ kümmern, d.h. die Partei von untergeordneten und von der Parteispitze als unwichtig erachteten politischen Fragen entlasten[6].

Zur Autorin: Alexandra Feddersen hat an der Universität Genf Politikwissenschaft studiert und arbeitet dort als Assistentin am Institut für Politikwissenschaften. Sie twittert ausserdem unter @feddersena.

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