Frauensektionen – ausgedient?

Posted on Juni 6, 2013 von

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Frauenquoten, Familienartikel, Abtreibungsfinanzierung: Fragen rund um Geschlechtergleichstellung und Familienpolitik werden momentan heiss diskutiert. Die Frauensektionen sind im Zuge dieser Debatten sichtbarer geworden. Unklar bleibt, was genau die Rolle von Frauensektionen in den Parteien ist: Stellen sie eine feministische Organisation innerhalb der Partei dar? Oder eher eine Art weibliche Chambre de Reflection, wo Themen zunächst allein unter Frauen beraten werden? Werden bei den Parteifrauen einfach „Frauenthemen“ diskutiert? Und sind sie für die parteiinterne Frauenförderung zuständig? Yvonne Feri, Präsidentin der SP Frauen und Carmen Walker Späh, Präsidentin der FDP Frauen stehen für Polithink Red und Antwort zu Sinn und Zukunft von Frauensektionen.

Polithink: Von Jungparteien wird erwartet, dass sie rebellischer, frischer, eigensinniger politisieren als die Mutterpartei und dass sie jüngere Themen behandeln. Wie sieht es bei Frauensektionen aus: Bewirtschaften die SP Frauen eigene Themen?

Yvonne Feri: Die SP Frauen Schweiz verstehen sich als Bewegung des sozialdemokratischen Feminismus. Ihr Ziel ist die Gleichstellung aller Geschlechter, im politischen, ökonomischen, sozialen und kulturellen Bereich. Im Fokus stehen dabei in diesem Jahr die ökonomische Gleichstellung mit der Lohngleichheit, der familienergänzenden Kinderbetreuung und der Umverteilung und Neugestaltung der unbezahlten Betreuungsarbeit für alle Geschlechter. Ein weiteres Thema ist der Erhalt der Fristenregelung im Kampf gegen die Initiative „Abtreibungsfinanzierung ist Privatsache“.

Und die FDP Frauen? Haben auch sie eigene Schwerpunkte?

Carmen Walker Späh: Unbedingt! Die FDP Frauen bewirtschaften die aus ihrer Sicht wichtigen Themen. Im Wahljahr 2011 haben wir drei Kernthemen festgelegt; dort wollen wir uns speziell engagieren:

1)    „Nicht mehr oben ohne.“ – Gemischte Teams sind erfolgreicher.

2)    „So gets nicht vorwerz.“ – ABC und 1×1 für alle.

3)    „Der böse Wolf ist online.“ – Feldzug gegen Kriminalität.

Und diese drei Kernthemen haben wir frisch, mutig und unkonventionell in Szene gesetzt.

Was ist denn die Rolle der Frauensektion innerhalb der Partei?

Walker SpähDie FDP Frauen haben den klaren Auftrag, Frauen innerhalb der Partei zu fördern und darauf zu achten, dass möglichst gemischte Teams in allen Gremien sind. Wir stehen der Partei sozusagen als Expertinnen in Gender-, gesellschafts- und wirtschaftspolitischen Themen zur Verfügung. Dafür braucht es eine enge Zusammenarbeit. Im Sommer 2012 haben wir beispielswiese zusammen mit der FDP-Schweiz das Positionspapier zur besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf verabschiedet – derzeit kämpfen wir gemeinsam gegen die SVP-Familieninitiative. Es ist einfach so, dass Frauen zum Teil eine andere Sicht auf die Themen, Probleme und Lösungsansätze haben – das bringen wir zum Beispiel im gemeinsamen Kampf gegen die 1:12- Initiative oder gegen die Mindestlohn-Initiative ein.

FeriDie Frauensektionen übernehmen eine wichtige Aufgabe. Im Zentrum der politischen Arbeit der SP Frauen Schweiz stehen positive oder proaktive Massnahmen zur Umsetzung der Frauenmenschenrechte und die Verhinderung der Diskriminierung von Frauen. Als Beispiele dienen das Frauenstimmrecht, das neue Eherecht, das Gleichstellungsgesetz im Erwerbsleben, die Fristenregelung, die Mutterschaftsversicherung, das Verbot sexueller Verstümmelung und hoffentlich bald eine geschlechtergerechte Altersvorsorge, wie die Umsetzung der Lohngleichheit. Diese Errungenschaften sind zu einem grossen Teil den Frauen zu verdanken.

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Yvonne Feri ist Präsidentin der SP Frauen und seit 2011 Nationalrätin für den Kanton Aargau.
Bild: Aargauer Zeitung

Politisieren die Frauen in der Sektion anders als in der Mutterpartei? Und politisieren Frauen grundsätzlich anders als Männer?

FeriWir finden unter Frauen wie auch unter Männern eine Vielfalt von Möglichkeiten, wie politisiert werden kann. Jeder Mensch verfügt über seine spezifischen Eigenheiten, egal welchen Geschlechtes. Wichtig ist, dass Partei und Politik Strukturen und Räume schaffen, die niemanden aufgrund des Geschlechts diskriminieren und die Austausch und Vernetzung garantieren. Das stellen wir mit den SP Frauen Schweiz sicher.

Walker SpähEs gibt nicht grundsätzlich eine Frauenpolitik und eine Männerpolitik. Gemäss Studien, lassen sie sich auch nicht in ein links-rechts Schema drücken. Die Verteilung ist gleich wie bei den Männern. Frauen haben jedoch zum Teil durch ihre Lebensläufe andere Gesichtspunkte und Erfahrungen und kommunizieren oft anders als Männer. Aber das sind klar Stereotypen, die wir FDP Frauen eigentlich nicht gerne bedienen. Denn wir wollen ja genau aus diesen vordefinierten Geschlechterrollen ausbrechen.

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Carmen Walker Späh ist Präsidentin der FDP Frauen Schweiz, seit 2002 amtiert sie als Kantonsrätin in Zürich.
Bild: westnetz.ch

Die FDP Frauen hatten beim Familienartikel die Ja-Parole empfohlen und sprechen sich für eine Quote in der öffentlichen Verwaltung aus. Beide Anliegen wurden und werden von der Mutterpartei nicht unterstützt. Werden Beschlüsse der Frauensektion von der Partei ernstgenommen? Passiert das oft, dass die Frauensektion andere Vorstellungen vertritt als die Mutterpartei?

Walker SpähNein. Mehrheitlich sind die FDP Frauen gleicher Meinung wie die FDP. Unser gemeinsamer Nenner ist das liberale Gedankengut, der Kampf gegen einen ausufernden und bürokratischen Staat und gute Rahmenbedingungen für eine prosperierende Wirtschaft, aber auch für Chancengleichheit und Wahlfreiheit der individuellen Lebensgestaltung. Beim Familienartikel war mehr ein Röstigraben und auch ein Stadt-Land-Graben zu beobachten. Aus unserer Sicht ist es wichtig, dass wir die Positionen debattieren können und dass wir auch den gegenseitigen Respekt für die jeweiligen Positionen hochhalten.

Die SP Frauen haben vor wenigen Wochen vier Volksinitiativen zur ökonomischen Gleichstellung verabschiedet. Wie gut stehen die Chancen, dass die Vorschläge auch von der Mutterpartei nicht nur unterstützt sondern aktiv vertreten werden? Werden Beschlüsse der Frauensektion von der SP Schweiz ernstgenommen?

FeriDie SP Frauen setzen sich aus knapp 13‘000 Mitgliedern zusammen. Die Meinung dieser grossen Gruppe kann nicht ungehört bleiben, sondern wird in der „Mutterpartei“ berücksichtigt. Wir sind davon überzeugt, dass mindestens eine unserer Initiativen aktiv unterstützt wird.

Durch die Abgrenzung in Frauensektionen werden Männer aus wichtigen Debatten zu Gleichstellungs- und Familienpolitik ausgeschlossen. Als Konsequenz fühlen sich Männer nur selten für solche Politikbereiche verantwortlich. Wird so nicht erschwert, dass Gleichstellungs- und Familienpolitik in der Mutterpartei als Kernthemen verstanden werden, die alle, und nicht nur die Frauen betreffen?

Walker SpähDas ist eine interessante Frage, die wir uns schon oft gestellt haben. Und das ist auch einer der Gründe, wieso wir FDP Frauen am 7. September 2013 eine Zukunftstagung durchführen. Ob wir uns nun konsequent auch für Männer öffnen, oder ob diese Themen auch von Männern in der Partei aufgegriffen werden müssten, in welcher Form auch immer, steht offen. Denn wir möchten unbedingt, dass es endlich mehr Männer gibt, die sich für Themen wie die Vereinbarkeit oder flexible Arbeitsmodelle interessieren. Wir engagieren uns ja auch für ein faires Scheidungsrecht und wollen die Rechte der Väter stärken. Das sind übrigens auch wirtschaftsrelevante Themen – auch wenn ihnen dieser Stellenwert oft abgesprochen wird. Mit dieser Mentalität riskieren wir jedoch, dass gut ausgebildete Frauen in die EU abwandern oder schlicht abgeworben werden, erst recht, wenn die EU eine Frauenquote beschliesst.

…die FDP Frauen sind die einzige Frauensektion in der Schweiz, in der auch Männer als Passivmitglieder zugelassen sind. Was versprechen Sie sich davon?

Walker Späh: Wir hatten schon immer Männer als Sympathisanten. Und wie gesagt, es ist uns auch wichtig die Männer mit einzubeziehen. Was die richtige Form hierfür ist, steht noch offen.

Die SP Frauen sind eine männerfreie Zone. Wie gewährleisten Sie, dass auch SP Männer bei der Gleichstellungspolitik mithelfen?

FeriDie SP Frauen haben eine Arbeitsgruppe Gleichstellung, in welcher alle Geschlechter gleichermassen willkommen und stimmberechtigt sind. Es ist uns klar, dass in Sachen Gleichstellungspolitik mehr erreicht werden kann, wenn die Männer mitdiskutieren und Entscheidungen mittragen. Die SP Frauen haben trotzdem ihre eigenen Gefässe, in welchen sie unter sich Themen bearbeiten, welche sie aus der Sicht der Umsetzung der Frauenmenschenrechte priorisieren. Ich spreche dabei von der ökonomischen Gleichstellung, von sexueller und reproduktiver Gesundheit, von Gewalt an Frauen oder von Sexismus. Diese Meinungsbildung und Priorisierung ermöglicht es, als starke Lobby für ein Thema aufzutreten. Ohne diese wären wir von der Gleichstellung der Geschlechter heute noch weiter entfernt, als wir es sind. Die Frauen kämpfen für ihre Rechte, brauchen ihre Netzwerke und Kontakte genauso, wie die Männer auch unter sich Themen behandeln und Netzwerke pflegen. Und als Ergänzung braucht es die geschlechtlich gemischten Gruppen um miteinander gute Lösungen zu erarbeiten und zum Durchbruch zu verhelfen.  

Wieso gibt es eigentlich Frauen – aber keine Männersektionen? Was meinen Sie, was würde in Männersektionen behandelt werden? 

FeriDiese Fragen sollten Sie den Männern stellen.

Walker Späh: Wir würden es sehr begrüssen, wenn es einen Gesprächspartner auf der männlichen Seite zu diesen Themen geben würde. Wir arbeiten bereits heute sehr gut mit Männer.ch zusammen, die jedoch politisch unabhängig sind. Grundsätzlich sind wir überzeugt, dass ein gemeinsames Engagement von Mann und Frau Früchte tragen wird und auch den notwendigen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Wandel herbeiführen kann.

Zum Schluss: Hand aufs Herz – braucht es denn die SP Frauen und wird es sie in zehn Jahren noch geben?

FeriIch bin davon überzeugt, dass es die SP Frauen noch braucht und es sie weiterhin brauchen wird. Die Themen werden sich sicherlich weiterhin laufend leicht verändern und die Schwerpunkte verschieben sich. Doch wer sonst wird sich auch in 10 Jahren noch unermüdlich für die Lohngleichheit einsetzen?

Und wie steht es um die Zukunft der FDP Frauen?

Walker SpähZurzeit braucht es sie noch, denn wir sind noch weit vom Ziel einer Gesellschaft, in der die Chancengleichheit auch gelebt wird, entfernt. Ob es uns in 10 Jahren noch gibt ist offen. Meine Vision: die FDP Frauen können sich auflösen, weil ihr Programm schlicht selbstverständlich geworden ist.