Face Off: Fair rekrutiert ohne Foto

Posted on August 21, 2013 von

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von Danny Bürkli

Bewerbungsfotos sind überflüssig und begünstigen Diskriminierung. Recruiting-Expertin Karin Caflisch, Autorin des NZZ „Recruiting Blogs“, mag Bewerbungsfotos trotzdem. Diese würden die Persönlichkeit eines Bewerbers viel klarer transportieren, als nur ein Lebenslauf. Caflisch erwähnt in einem Blogpost der das Thema diskutiert, dass Bewerbungsfotos zu Diskriminierung führen („Untersuchungen haben gezeigt, dass die Entscheidungen bei Lebensläufen mit und ohne Foto wirklich unterschiedlich waren“). Trotzdem sei sie „neugierig auf den Mensch hinter den Qualifikationen“.

Karin Caflisch ist eine gut vernetzte Personalexpertin. Neben dem NZZ „Recruiting Blog“ verantwortet sie den ZHAW Recruiting-Lehrgang mit und führt den Arbeitskreis der Leiter/-innen Recruiting zu dem unter anderem Firmen wie Swiss Re, IBM, Credit Suisse und Swisscom angehören. Trotzdem ist sie nicht auf der Höhe der Zeit.

Portraitfotos auf Lebensläufen sind problematisch. Die sozialpsychologische Forschung zeigt überzeugend, dass Fotos zu diskriminierenden Entscheidungen führen. Qualifizierte KandidatInnen welche nicht hübsch genug, zu hübsch oder zu „ausländisch“ aussehen, werden aussortiert und erhalten nie die Chance sich in einem Bewerbungsgespräch vorzustellen.[1]

Diese Diskriminierung geschieht nicht unbedingt bewusst, die Forschung spricht von unbewusster Diskriminierung (unconscious bias). Diese ist perfid: Personaler fällen diskriminierende Entscheidungen, ohne es zu wollen und ohne sich dessen bewusst zu sein. Es ist schwer zu verstehen wieso Frau Caflisch, welche als Expertin mit diesen Forschungsresultaten zweifellos vertraut ist, trotzdem für Bewerbungsfotos eintritt. Wer meint er sei vor diesem Effekt gefeit, liegt falsch.

Portraitfotos sind komplett überflüssig, weil das Aussehen einer Bewerberin oder eines Bewerbers keine Information über Fähigkeiten oder Persönlichkeit vermittelt. Folglich tragen Fotos auf Lebensläufen nicht zu einer besseren Selektion der Bewerber bei. Angesichts des Diskriminierungseffekts scheint die im NZZ-Blogpost angeführte „Neugier auf den Bewerber“ zudem ein wenig stichhaltiger Grund.

Die Lösung ist einfach, effektiv und kostenfrei: Lebensläufe ohne Bewerbungsfotos. Der Anstoss muss von Unternehmen und Recruiting-Ausbildnern kommen. Sie haben eine wichtige Vorbildfunktion. Unternehmen welche die besten Köpfe einstellen wollen, müssen auf verstaubte Selektionsverfahren verzichten.

Lebensläufe ohne Portraitfotos sind ein guter Anfang. Die nächste, einfache und konsequente Massnahme ist die Einführung von anonymisierten Lebensläufen. Personalverantwortliche diskriminieren selbstredend, unbewusst, nicht nur aufgrund des Aussehens sondern auch aufgrund der Namen der Bewerber.

Im Wettbewerb um die fähigsten Talente sind Firmen gut beraten solche einfache und nachteilfreie Massnahmen umzusetzen. Wer als Organisation die besten Köpfe rekrutieren will, kann es sich nicht leisten sich von unnützen Bewerbungsfotos beeinflussen zu lassen.

Zum Autor: Danny Bürkli (@dannybuerkli), 27, hat an der Universität Zürich Politikwissenschaft studiert und kürzlich an der Stanford University einen Master abgeschlossen. Sein Lebenslauf beinhaltet kein Foto.

 

 

 


[1] Siehe, z.B., den Übersichtsartikel Bendick/Nunes (2012): „Developing the Research Basis for Controlling Bias in Hiring“, Journal of Social Issues 68(2), p. 238-262.