SP – Arbeiterpartei ohne Arbeiter?

Posted on September 11, 2013 von

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Vor 125 Jahren wurde die SP Schweiz gegründet, um die Interessen der Arbeiterinnen und Arbeiter auf politischer Ebene zu vertreten. In kleinen Schritten, mit viel Ausdauer und im Verbund mit bürgerlichen Partnern konnten im Laufe der Zeit nicht wenige der zentralen Forderungen der Sozialdemokratischen Partei realisiert werden. Heute erscheinen uns diese Errungenschaften und die Entwicklung der Schweiz hin zu einem modernen Wohlfahrtsstaat als selbstverständlich. Im Zuge des Erfolgs vieler politischer Forderungen der SP hat sich auch ihre Wählerschaft verändert. Sie verlor an Rückhalt bei ihrer traditionellen Basis und gewann neue Wählerschichten im urbanen Milieu.

von Sarah Bütikofer

Seit den 1970er Jahren werden die Wahlen in der Schweiz systematisch analysiert. Line Rennwald und Daniel Oesch von der Universität Genf haben sich intensiv mit der SP, ihren Wählerinnen und Wählern sowie ihren Nichtwählerinnen und Nichtwählern auseinandergesetzt. Wie Graphik 1 zu entnehmen ist, bestand die Basis der Sozialdemokraten 1975 noch zu 61 Prozent aus Personen aus tieferen Einkommensklassen, d.h. aus Produktionsarbeiteinnen und –arbeitern, Büroangestellten und einfachen Dienstleistenden. Bei den Wahlen 2007 machten diese Bevölkerungsgruppen nur noch 31 Prozent der SP-Wählerschaft aus. Die Partei verlor deutlich an Rückhalt bei ihrer traditionellen Basis, die sich verstärkt der SVP zugewandt hat (SELECTS, Lutz 2012).

Schwindende Wählerbasis
Die Mehrheit der Wählerschaft der SP besteht heute aus gut ausgebildeten Mittelstandsangehörigen. Sie machten 2007 54 Prozent der SP-Wählerschaft aus. Das ist eine deutliche Zunahme, denn 1975 kamen erst 31 Prozent der SP-Wählenden aus diesem  Milieu (Graphik 1). Für den grossen Rückgang der SP bei ihrer traditionellen Basis werden verschiedene Gründe genannt und die Wissenschaft hat diverse Erklärungsansätze vorgebracht. Sicherlich muss dem Strukturwandel der Schweizer Wirtschaft Rechnung getragen werden. Der Anteil der Beschäftigten im Produktionssektor ging stark zurück und viele der heute in den entsprechenden Berufen beschäftigten Personen sind keine Schweizer Bürger. Dies ist aber nicht die abschliessende Erklärung für die Veränderung der SP-Basis, dessen ist sich Line Rennwald sicher: „Der Anteil der Arbeiter an der stimmberechtigten Bevölkerung halbierte sich zwar in den letzten drei Jahrzehnten, doch sein Anteil in der SP-Wählerschaft hat sich durch drei dividiert.“

Graphik 1: Soziale Zusammensetzung der SP-Wählerschaft (1975 und 2007) Quelle: Rennwald und Zimmermann 2013

Graphik 1: Soziale Zusammensetzung der SP-Wählerschaft (1975 und 2007)
Quelle: Rennwald und Zimmermann 2013

Arbeiter wählen SVP, Gebildete wählen SP?
Wie die Schweizer Wahlstudien gezeigt haben, verschoben sich in den letzten Jahren die zentralen politischen Konfliktlinien. Spalteten bis in die 1980er Jahre die Meinungen bezüglich Umverteilung und sozialer Gerechtigkeit die Politik, stehen mittlerweile die Diskussionen um kulturelle Werte und Identität im Zentrum der Debatten (Lutz et al., 2010). So lässt sich auch das folgende Paradox erklären: Die Positionen der SP in der Sozial- und Finanzpolitik würden den unteren Bildungs- und Einkommensschichten zu Gute kommen. Allerdings wählen diese Personen seit einiger Zeit vor allem SVP. Und die von der SP traditionellerweise geforderten Umverteilungen würden die besser Verdienenden und Privilegierten stärker belasten. Trotzdem kann die SP bei Personen mit höherem Einkommen und besserer Bildung punkten. Daniel Oesch erklärt dies damit, dass die SP mit ihrer Haltung zu bestimmten gesellschaftlichen Wertefragen neue Wählerschichten gewonnen hat: „Die neuen SP-Wähler aus dem urbanen Milieu befürworten z.B. die Homoehe oder externe Kleinkinderbetreuung auf Staatskosten.“

Was die SP zusammenhält
Die Wählerschaft nimmt nicht jede Partei in allen Politikbereichen als gleichermassen kompetent wahr. Die Parteien haben grosse Vorteile, wenn ihre Kernthemen von den Wählerinnen und Wähler als wichtig erachtet werden. So profitierte in der Schweiz die SVP davon, dass die EU- oder die Migrationspolitik bei vergangenen Wahlen ein Thema war, das die Wählerschaft beschäftigt hat. Allerdings vertritt die SVP gesellschaftspolitisch sehr konservative Werte und ist deshalb für viele Bevölkerungsgruppen nicht wählbar. Im Zuge der Verwischung der traditionellen Wählermilieus mit ihren typischen Parteien werden diese Erklärungsansätze für den Erfolg einer Partei immer wichtiger. Die neuen Wählerschichten der SP bestehen aus progressiv eingestellten Personen aus dem Bildungs-, Sozial-, Medien- und Kulturbereich sowie technischen Spezialisten. Das verbindende Element dieser Wählerinnen und Wähler mit dem Arbeitermilieu ist, dass sie Lohnabhängige sind. Und wie Line Rennwald erklärt, sind diese Berufsgruppen inzwischen gewerkschaftlich stark organisiert und passen gut zur traditionellen Wählerbasis der SP. Wie ihre Untersuchungen gezeigt haben, wandte sich der gewerkschaftlich organisierte Teil der Arbeiterschaft auch nie von der Sozialdemokratischen Partei ab. Daniel Oesch sagt es so: „Alle Wählersegmente der SP wollen einen starken Sozialstaat und kleine Einkommensunterschiede. Was die traditionelle Basis vom urbanen Milieu trennt, sind die gesellschaftspolitischen Themen. Aus diesem Grund konzentriert sich die SP-Spitze lieber auf die Debatte zur 1:12- Initiative und auf die Themen AHV oder Einheitskrankenkasse.“ Denn in diesen Fragen ist die SP-Wählerschaft geeint.

Zur Autorin: Sarah Bütikofer (@SarahButikofer) ist promovierte Politikwissenschaftlerin mit den Schwerpunkten Schweizer Politik und Parlamentsforschung. Sie arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Zürich, ist Lehrbeauftrage an verschiedenen Hochschulen der Schweiz und betätigt sich als freie Wissenschaftsjournalistin zu politik- und sozialwissenschaftlichen Themen.

Quellen:

Lutz, Georg (2012). Eidgenössische Wahlen 2011. Wahlteilnahme und Wahlentscheid. Selects-FORS: http://www2.unil.ch/selects/ 

Lutz, Georg et al. (2010). The Swiss National Elections 2007. Swiss Political Science Review 16(3): 335-341.

Oesch, Daniel und Line Rennwald (2010). The Class Basis of Switzerland’s Cleavage between the New Left and the Populist Right. Swiss Political Science Review 16(3): 343-372.

Rennwald, Line und Adrian Zimmermann (2013, im Erscheinen). „Die SP als Arbeiterpartei“, in: Einig – aber nicht einheitlich. 125 Jahre Sozialdemokratische Partei der Schweiz. Redbox edition, im Auftrag der SP Schweiz. Zürich: Limmat-Verlag.