Abtreibungsfinanzierung ist Privatsache: JA

Posted on Januar 30, 2014 von

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Am 9. Februar wird über die Volksinitiative „Abtreibungsfinanzierung ist Privatsache“ abgestimmt. Seit 2002 gilt in der Schweiz die Fristenregelung. Sie besagt, dass ein Schwangerschaftsabbruch in den ersten zwölf Wochen straffrei ist und durch die obligatorische Krankenversicherung finanziert wird. Die vorliegende Volksinitiative verlangt, dass ein Schwangerschaftsabbruch oder eine Mehrlingsreduktion nicht mehr von der obligatorischen Krankenversicherung übernommen werden sollen, es sei denn, die Gesundheit der Mutter ist akut gefährdet. Wir haben mit Yvette Estermann vom Initiativkomitee sowie Anne-Marie Rey von der Schweizerischen Gesellschaft für straffreien Schwangerschaftsabbruch über ihre Argumente pro und contra Initiative gesprochen. Yvette Estermann macht den Anfang und beantwortet heute unsere Fragen.

Interview: Sarah Bütikofer

Polithink: Die Initiative will einen Beitrag zur Senkung der obligatorischen Krankenkassenprämien leisten. Die Kosten der Abtreibungen sind verschwindend klein im Verhältnis der milliardenschweren Kostenübernahmen im Gesundheitswesen. Das Initiativkomitee spricht deshalb noch von „verdeckten Folgekosten aus Abtreibungen“. Was meinen Sie damit und wie begründen Sie dies für die Situation in der Schweiz?

Yvette Estermann sitzt seit 2003 für die SVP Luzern im Nationalrat. Sie ist ausgebildete Ärztin und Mitglied des Initiativkomitees

Yvette Estermann sitzt seit 2007 für die SVP Luzern im Nationalrat. Sie ist ausgebildete Ärztin und Mitglied des Initiativkomitees

Estermann: Die Folgekosten einer Abtreibung sind eine Dunkelziffer. Nur selten geht ein derart massiver Eingriff in die Integrität einer Frau ohne Folgen aus. Ob es sich um Komplikationen nach dem Eingriff handelt oder um spätere psychische Probleme. Diese müssen behandelt werden. Es kann auch Probleme geben, wenn die Frau wieder schwanger werden möchte und es nicht klappt.

Die Krankenkasse ist eine Solidargemeinschaft. Nicht nur zwischen Gesunden und Kranken, sondern auch zwischen Männern und Frauen sowie Schweizern und niedergelassenen Ausländern. Weshalb wird an diesem Grundsatz gerüttelt?

Solidarität hat auch ihre Grenzen. Zum Beispiel, wenn jemand aus religiösen, ethischen, moralischen oder persönlichen Gründen eine Abtreibung nicht unterstützen möchte. Das heutige System zwingt ihn aber dazu. Das ist nicht in Ordnung!

Wieso soll ausgerechnet die Abtreibungsfinanzierung als einzige Leistung aus dem Katalog der Grundversicherung in der Bundesverfassung verankert werden?

Dieser Vorschlag war nur einer von vielen, welche die SVP seinerzeit als ein “Paket” an den Bundesrat und das Parlament gerichtet hat, um die ständige Erhöhung der Krankenkassen-Prämien zu stoppen. Nur dieser Vorschlag hat als Volksinitiative den politischen Prozess überlebt.

Überall auf der Welt, wo Abtreibungen privat finanziert werden müssen oder ganz verboten sind, versuchen Frauen selber oder in einer Hinterhofpraxis, einen Abort herbeizuführen – mit beträchtlichen gesundheitlichen Risiken. Warum sollen wir in der Schweiz wieder in Kauf nehmen, dass junge und/oder sozial schwache Frauen an einer verpfuschten Abtreibung sterben?

Was sind das für Länder? Unser Nachbar Österreich hat eine derartige Regelung, ohne massive Folgen.

Die Schweiz weist im internationalen Vergleich eine tiefe Abtreibungsrate auf. Über die lange Frist betrachtet, gingen die Aborte deutlich zurück. Zudem liegt die Abtreibungsrate bei Teenagern besonders tief. Wieso soll unser System geändert werden bzw. wieso kommt jetzt dieser Angriff? 

Es geht darum, dass Menschen, welche Abtreibungen grundsätzlich ablehnen, diese auch nicht mitfinanzieren müssen.

Beide Seiten möchten, dass möglichst wenig Abtreibungen durchgeführt werden müssen. Welche Massnahmen sind Ihrer Meinung nach die wirkungsvollsten und wer müsste deshalb in welcher Hinsicht aktiver werden?

Der heute so freizügige Umgang mit der Sexualität sollte grundsätzlich geändert werden. Sexualleben ist kein Konsumgut, das nach einer Party oder nach dem Kinobesuch im Park konsumiert wird. Eine ernsthafte Liebesbeziehung zwischen Frau und Mann, die auch emotional reif genug ist, kann zum Geschlechtsverkehr führen. Dabei ist zu betonen, dass eine Schwangerschaft sich auch bei einer guten Verhütung einstellen kann und deshalb immer mitberücksichtig werden sollte .