Das Editorial der Sonntagszeitung. Ein Schuss ins eigene Bein.

Posted on Oktober 27, 2015 von

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Lieber Philipp Loser, Lieber Arthur Rutishauser. Merci, dass Sie beide innerhalb von zwei Tagen meinen Artikel über den Rechtsrutsch im Parlament aufgegriffen haben. Grundsätzlich würde ich, auch wenn Polithink noch nicht von Tamedia aufgekauft wurde, eine Verlinkung begrüssen. Aber ich hole das gerne für Sie nach: zum Artikel.

Die Interpretation der Ergebnisse hätte nicht unterschiedlicher ausfallen können. Sie entsprachen offenbar Losers These und wurden von ihm wohlwollend aufgegriffen (zum Artikel). Rutishauser ist in seinem Editorial hingegen skeptischer (zum Artikel).

Meine Analyse ist ein Versuch, die von zahlreichen Medien und Experten geäusserte These eines Rechtsrutsches empirisch zu prüfen. Da sie klare Schwachstellen aufweist, liefere ich die Kritik in einer ausführlichen Passage gleich mit. Obwohl die Analyse deshalb eigentlich ein einfaches Ziel bietet, versteigt sich Rutishauser in Alltagsbeobachtungen. „Die These vom permanenten Rechtsrutsch ist (…) völliger Blödsinn“. Dies, weil es heute lesbische Stadtpräsidentinnen gibt, Schwule für den Ständerat kandidieren und weil Magdalena Martullo-Blochers Ehemann am Herd steht.

Fachlich gäbe es viel zu dieser Argumentation zu sagen. Zum Beispiel, dass Gleichstellungspolitik nicht Teil der links-rechts Achse ist. Obwohl Politprofessoren (besten Dank übrigens für die Beförderung, Herr Rutishauser) mittlerweile überall sind, können Kenntnisse über die links-rechts Dimension offenbar nicht vorausgesetzt werden.

Das Problem ist allerdings fundamentaler. Es geht darum, dass der heutige Journalismus von „Experten“ abhängt, und sie gleichzeitig niederschreibt. Die letzte Ausgabe der Sonntagszeitung war in dieser Hinsicht ein krasses Beispiel. Bei der Ausarbeitung des Leitartikels wurde meine Expertise dankend angenommen. Ich habe mit den Verfassern des Artikels über die jungen SVP-Wähler etwa zwei Stunden telefoniert und sie über die Forschung zur Jugendpartizipation aufgeklärt. Gern geschehen.

Was ich allerdings gar nicht schätze, ist ohne Erwähnung beim Lead-Artikel zu helfen, um im Editorial von einer offensichtlich uninformierten und in der Sache inkompetenten Person angegriffen zu werden.

Forscher, die sich den Medien nicht aussetzen wollen, werden kurzerhand in den Elfenbeinturm geschrieben. Vergessen geht dabei, dass Medienarbeit in der Akademie keinen Stellenwert hat. Die Währung der Forschung sind publizierte Fachartikel. Zeitungspublikationen sind für das Weiterkommen in der Akademie schlicht bedeutungslos. Kurz: Medienarbeit bringt nichts, ist zeitintensiv und potentiell sogar rufschädigend. In dieser Hinsicht unterscheiden sich Forscher klar von praktischen Politikwissenschaftlern, bei welchen der betriebswirtschaftliche Erfolg oft von Medienpräsenz abhängt. Das ist nicht wertend gemeint. Ich kenne die meisten von ihnen und schätze sie persönlich und fachlich. Aber Rutishausers Aussage, dass akademische Forscher in die Fussstapfen der Medienpolitologen treten wollen oder gar ein finanzielles Interesse verfolgen, ist reiner Blödsinn.

Persönlich finde ich Medienarbeit wichtig. Oft wird unsere Arbeit finanziell von den Kantonen oder der Eidgenossenschaft gestützt. Ich glaube deshalb, dass wir der Öffentlichkeit Rechenschaft schuldig sind und unsere Forschung entsprechend für ein breites Publikum aufbereiten müssen. Dies war für mich die Hauptmotivation Polithink zu gründen und deswegen bin ich auch im Editorial Board des neuen Politblogs DeFacto. Mich in den Elfenbeinturm zu schreiben ist daher mehr als billig und dem Chefredaktor der Sonntagszeitung nicht würdig.

Schade ist, dass sich durch diese Episode viele meiner Forscherkollegen in ihren Vorurteilen bestätigt sehen und sich künftig noch zurückhaltender äussern werden. In diesem Sinne hat Herr Rutishauser mit seinem Editorial allen Journalisten ins Bein geschossen.

Rutishauser kritisiert, dass ich über Politiker schreibe ohne sie zu kennen. Offenbar ist es aber in Ordnung über mich zu schreiben, ohne mich oder die Politoszene zu kennen. Bevor ich diesen Artikel publiziert habe, habe ich vergeblich versucht Herrn Rutishauser zu kontaktieren.

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